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Against Decolonialisation – Taking African Agency Seriously

eine Rezension von Burkhard Luber 


“All else is show, and I am arguing that much of the current decolonising discourse in and about Africa is exactly that - and not a very good show either” (S. 188)




Olúfẹ́mi Táíwò: Against Decolonialisation – Taking African Agency Seriously. 

Verlag Hurst and Company in Zusammenarbeit mit dem „International African Institute“ (erschienen in dessen Reihe „African Arguments“), 2022, 270 Seiten, 18€


Olúfẹ́mi Táíwò, Professor an der Cornell University (USA), hat ein eindrucksvolles und zugleich mutiges Buch geschrieben. Die Fülle des von ihm präsentierten Materials ist enorm und umfasst wesentliche Dimensionen von Geschichte, Politik, Wirtschaft und Kultur Afrikas. Mutig ist das Buch deshalb, weil der Autor sehr konsequent, mit aller Schärfe und vielen Details ein gängiges Narrativ über Afrika hinterfragt: das der “Dekolonialisierung”. Darunter ist ein Ansatz zu verstehen, der alle schlechten Entwicklungen und Zustände auf dem afrikanischen Kontinent vornehmlich und sehr oft sogar ausschließlich der Kolonialisierung anlastet. Konsequent fordern die Protagonisten der Dekolonialisierung dazu auf, diese koloniale Hypothek umfassend und nachdrücklich hinter sich zu lassen: Alles was in Politik, Wirtschaft, Philosophie, Kultur oder Sprache mit der Kolonialisierung in Zusammenhang steht, muss deshalb folgerichtig beendet werden. 


Táíwò zeigt in seinem Buch die Kurzsichtigkeit und Unproduktivität dieses Ansatzes. Er plädiert dafür, den Begriff der Dekolonialisierung eng zu fassen, nämlich auf den Prozess, mit dem eine frühere Kolonie zur politischen Anatomie gelangt. Nur das ist für den Autor Dekolonialisierung. Den überbordenden universellen Begriff von Dekolonialisierung, bei dem sich die Ex-Kolonie absolut jedem politischen, kulturellen, sozialen, linguistischen und intellektuellen Bezug zur kolonialen Vergangenheit entziehen soll, lehnt Táíwò ab. 


Nachfolgend einige Hauptargumente des Autors gegen das Dekolonisations-Narrativ: 

  • Indem die Vertreter der Dekolonialisierung den Begriff dermaßen allumfassend verwenden, verliert er seine begriffliche Schärfe. 

  • Nicht alle gesellschaftlichen und kulturellen Phänomene können unterschiedslos auf die Kolonialisierung zurückgeführt werden. Insbesondere die Moderne (der von Táíwò vertretene Gegenperspektive zur Dekolonialisierung) ist für Táíwò kein Produkt der Kolonialisierung. 

  • Die Vertreter der radikalen Dekolonialisierung übersehen die Komplexität Afrikas mit ihren eigenständigen Entwicklungen in der modernen afrikanischen Wissenschaft und Kultur. 

  • Statt zu rasch und zu kurzsichtig Phänomene in der nach-kolonialen Zeit ausschließlich dem Kolonialismus zuzuschreiben, ist eine differenziertere Analyse notwendig und präzise zu fragen, ob diese nicht auf andere Faktoren zurückzuführen sind. 

  • Es ist nach Táíwòs Auffassung falsch, Kapitalismus essenziell auf den Kolonialismus zurückzuführen. 

  • Die Protestbewegungen im Rahmen des arabisch-afrikanischen Frühlings 2010 waren keine anti-kolonialen Proteste. 


Selbst die so oft angeführten negativen Konsequenzen der Grenzziehungen auf dem afrikanischen Kontinent lassen sich laut Táíwò nicht als Begründung für afrikanische Probleme anführen, indem er auf nicht-afrikanische Beispiele verweist, bei der denen kolonialen Grenzziehungen überwunden wurden. Und, so fragt Táíwò: Warum geht man davon aus, dass diese Grenzziehungen für alle Ewigkeit bestehen müssen, und führt die Beispiele von Eritrea und Südsudan an, und außerdem: Warum verteidigen afrikanische Staaten ihre Grenzen so vehement, wenn sie deren Entstehung zu Beginn der Staatswerdung den Kolonialmächten anlasten? 


Zusammengefasst: Das Beharren der Vertreter*innen der Dekolonisation, alle Erscheinungen in Afrika ausnahmslos und umfassend auf dieses einzige Erklärungsmuster zurückzuführen, sind nicht hilfreich, sondern versperren eher den Blick auf die Realität und sind nicht geeignet, Afrika in der Gegenwart positiv fortzuentwickeln. 


Táíwò belässt es aber in seinem Buch nicht bei seiner Kritik des Dekolonialisierungs-Ansatzes. Sein Gegen-Narrativ ist der Modernitäts-Ansatz oder mit einem anderen Begriff von ihm “das Projekt der Aufklärung". Sein Hauptvorwurf gegen die Protagonisten der Dekolonialisierung ist, dass sie sich genau dieser Modernitäts-Perspektive entziehen, wodurch sie blind für die Protagonisten eigenständigen afrikanischen Denkens werden. 


Demgegenüber stellt Táíwò den Reichtum originärer afrikanischer Denker, die sich ihren Blick nicht durch einen verengten Fokus auf Dekolonialisierung versperren lassen, denn – so Táíwò – der Kolonialisierung ist in Afrika nicht so einflussreich, wie die Vertreter der Dekolonialisierung anführen. Sogar eine Periodisierung der Geschichte Afrikas mit Hilfe der Kategorie des Kolonialismus ist nach Táíwò nicht hilfreich. Sie verengt den Blick und lässt andere Faktoren der Geschichte Afrikas und afrikanischer Denker unberücksichtigt, von denen Táíwò z. B. Nkrumah, Senghor, Nyerere aufführt. Wenn man, wie die Vertreter der Dekolonialisierung, alles, was auch nur im Entferntesten mit Kolonialismus zusammenhängt, aus der weiteren Überlegung ausschließt, wird der Blick eng und das, was Táíwò dagegen setzt, die "Modernisierung", wird nicht berücksichtigt. Wichtig ist, die Breite, Tiefe und Mannigfaltigkeit des afrikanischen Denkens zu berücksichtigen. 


Mit “Modernität” (anstelle von Dekolonialisierung) meint Táíwò besonders die Aufgabe, wie repräsentative Demokratie konkret verwirklicht werden kann. Aber auch die Aufgabe, wie das Individuum respektiert werden kann, die Rolle des Rechts, die Unabhängigkeit der Justiz und das Einrichten freier und fairer Wahlen in einem Mehrparteinsystem bietet Afrika laut Taiwo ein reiches Experimentierfeld. 


Táíwò empfiehlt, auf diesem Weg der Modernität weiter voranzuschreiten und die Sackgasse der Dekolonialisierung zu verlassen. Essentiell dafür ist ein entsprechendes philosophisches Mindset, bei dem Afrika die Entwicklungen zur Modernität mit anderen außer-afrikanischen Staaten einschlägt. 


Olúfẹ́mi Táíwò hat ein hervorragendes Buch verfasst, das Afrika in vielen Details erfasst. Mit seiner klaren Positionierung gegen das Narrativ der Dekolonialisierung regt er intensiv zum Nachdenken an und es ist zu hoffen, dass seine Argumente belebend in die weitere Debatte über den künftigen afrikanischen Weg einfließen.


Diese Rezension erschien zuerst im MILIEU, 

Wir danken Dr. Luber für die freundliche Freigabe! 



 


Dr. Burkhard Luber studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie. Promoviert wurde er in Friedensforschung. Derzeit ist er Dozent für Internationale Politik, Redakteur der Zeitschrift „Das Milieu“ und Mitarbeiter beim Empowerment Programm von Wedu in Südostasien. Der Fokus seiner Arbeit liegt auf internationalen Krisengebieten.



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