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BEBUC – Exzellenzstipendien für den Kongo

von Christine Wolf


Mit großem Engagement: Daniella Kavira, Studentin der Wirtschaftswissenschaften, bewirbt sich auf ein Stipendium


Die Demokratische Republik Kongo (RDC), von 1971 bis 1997 Zaïre, ist das elftgrößte Land der Erde, mehr als sechsmal so groß wie Deutschland, mit ca. hundert Millionen Einwohnern. Es verfügt über einen enormen Reichtum an Bodenschätzen, namentlich Diamanten, Gold, Kupfer, Zink, Zinn, Blei, Kobalt, Coltan und Malachit. Der riesige Regenwald, der etwa die Hälfte der Staatsfläche bedeckt, bietet im Westen Bonobos, Waldelefanten und Tapiren eine Heimat, im Osten an den Vulkanhängen des Virunga-Nationalparks leben Berggorillas. Von den Pflanzen, die im tropischen Klima des Kongobeckens gedeihen, sind derzeit insbesondere zwei Arten Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen: Pericopsis elata, ein vom Aussterben bedrohter Baum mit feuerfester Rinde und einem fein gemaserten Holz, das resistent gegen Pilz- und Insektenbefall ist, und die Liane Ancistrocladus ileboensis, deren Inhaltsstoffe, außergewöhnliche Alkaloide, die Basis für die Entwicklung einer neuen Wirkstoffklasse gegen Malaria werden könnten. 


Das durchschnittliche Einkommen von mehr als 60% der Bevölkerung in der RDC liegt nach einem Bericht der African Development Bank bei unter 2,15 Dollar pro Tag. Der Kongo gehört damit zu den fünf ärmsten Ländern weltweit. Die 1954 gegründete Universität in Kinshasa, der mit mehr als 16 Millionen Einwohnern größten Stadt des afrikanischen Kontinents, hat in den vergangenen Jahrzehnten durch Diktatur und Bürgerkriege, aber auch durch chronische Unterfinanzierung stark gelitten. Bauliche Substanz, instrumentelle Ausstattung und Bibliotheken sind in einem desolaten Zustand. Die Professorenschaft ist überaltert, weil der wissenschaftliche Nachwuchs keine Perspektive in einer akademischen Karriere sieht und in das Ausland abwandert. Damit sinkt die Qualität der Lehre, die Distanz zum internationalen Stand der Forschung wächst, und Hoffnungslosigkeit ist ein dauerhaftes bedeutendes Hemmnis im Studium. 


Wie alles begann 

Im Januar 1993 begann eine Zusammenarbeit zwischen Prof. Dr. Gerhard Bringmann, dem damaligen Inhaber des Lehrstuhls für Organische Chemie in Würzburg, und dem Kongolesen Virima Mudogo, der nach seiner Promotion in Physikalischer Chemie 1988 in Würzburg wieder in die RDC zurückgekehrt und dort als Professor an der Universität Kinshasa tätig war. Die Kooperation, die sich zunächst nur auf die Suche nach neuen Wirkstoffen aus tropischen Pflanzen beschränkte, führte 2003 zur Unterzeichnung eines Vertrages auf präsidialer Ebene zwischen der Universität Würzburg und der Universität Kinshasa über eine Intensivierung der Kontakte in Forschung und Lehre und zum Transfer von Unterrichtsmaterialien, Geräten und Büchern in den Kongo. 


Die Pläne der beiden Professoren gingen jedoch bereits weiter. Die Idee, die sie vorantrieb, um einen substanziellen Beitrag zur Hebung des Niveaus von Lehre und Forschung an der Universität Kinshasa zu leisten, bestand darin, ein Stipendiensystem zu installieren, durch das gezielt langfristig die besten Studentinnen und Studenten eines Fachs bis hin zur Professur an einer kongolesischen Universität gefördert werden sollten. Die Realisierung des Projekts begann 2008 unter der Bezeichnung BEBUK (Bourse d’Excellence Bringmann à l’Université de Kinshasa‘). Die ersten vier Stipendiaten, die aus den Bachelor-Studiengängen Chemie und Pharmazie kamen, bezahlten Bringmann und Mudogo anfangs noch privat. Weil die dramatische Lage an der Universität Kinshasa und das Konzept der dezidierten Förderung von Exzellenz in vielen Gesprächen überzeugend dargestellt werden konnte, fanden sich bald großzügige Paten, europäische wie afrikanische, die einzelne Studierende direkt unterstützen. 2009 wurde der ‚Förderverein Universität Kinshasa‘ (‚fUNIKIN‘) gegründet, der inzwischen über 2.000 Mitglieder hat, darunter 51 institutionelle, und dessen Vorstand unter Führung von Professor Dr. Alfred Forchel, dem ehemaligen Präsidenten der Universität Würzburg, nach langen Jahren der Leitung durch G. Bringmann, die Organisation der Förderungen übernimmt. 


Einen entscheidenden Schub erhielt das Stipendiensystem durch die auf mehrere Jahre angelegte Beteiligung der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung an der Finanzierung im April 2012. Die von ihr zur Verfügung gestellten Mittel ermöglichten nicht nur die Vergabe von Stipendien an Studierende der Masterstufe, sondern auch die Einbeziehung anderer kongolesischer Universitäten in das Förderprogramm. Die räumliche Erweiterung erforderte eine Umbenennung des Systems in das sachgerechtere ‚BEBUC‘ (‚Bourse d’Excellence Bringmann aux Universités Congolaises‘). Die Anerkennung für die erfolgreiche Etablierung von BEBUC an zahlreichen kongolesischen Universitäten blieb nicht aus: schon 2012 erhielt das Wissenschaftlerduo Bringmann und Mudogo das kongolesische Verdienstkreuz Erster Klasse in Gold, sechs Ehrendoktorwürden kongolesischer Universitäten für Bringmann folgten. 


Das Stipendiensystem 

Wie funktioniert nun BEBUC? Vor den Bewerbungsfristen macht Reklame in Radio und Fernsehen, aber auch an Bushaltestellen im Einzugsbereich der Universitäten, mit denen Kooperationsvereinbarungen bestehen, auf das Programm aufmerksam, und es gibt Informationsveranstaltungen über den Bewerbungsmodus. Nach einer Vorauswahl unter den interessierten Studierenden durch kongolesische Wissenschaftler, die sich für BEBUC engagieren, folgt für die Kandidaten eine Prüfung, bei der sie aus einem Katalog von Themen ihres Fachbereichs eines aussuchen können, über das sie zehn Minuten an der Tafel referieren müssen und zu dem sie anschließend befragt werden. Sie sollen ferner in der Lage sein, Pläne und Ziele ihrer akademischen Ausbildung zu formulieren und dadurch zeigen, dass sie klare Vorstellungen über die weiteren Etappen ihres Studiums haben. Von Masterstudierenden wird zusätzlich eine Präsentation erwartet, auf welchem Kongo-relevanten Gebiet sie ihre Abschlussarbeit anfertigen wollen. Die Evaluierungen, die von Vorstandsmitgliedern und wechselnden externen Wissenschaftlern teils persönlich vor Ort an der jeweiligen kongolesischen Universität, teils per Videokonferenz durchgeführt werden, finden immer in englischer Sprache statt, um die Kandidaten für die Partizipation am internationalen wissenschaftlichen Diskurs zu trainieren. 


Die Kriterien für die Vergabe der Stipendien sind streng, das Verfahren selbst ist transparent. Wer eine Förderung erhalten will, muss zum einen herausragende Resultate in seinen Studienfächern nachweisen. Zudem müssen seine Quartalsberichte und die regelmäßigen Evaluierungen seitens eines BEBUC-Komitees erwarten lassen, dass die angestrebten wissenschaftlichen Qualifikationen voraussichtlich mit ebenfalls hervorragenden Ergebnissen erreicht werden. Verschlechterungen des Notendurchschnitts oder Verzögerungen im Ablauf des Studiums bewirken zunächst eine Kürzung des Stipendiums, wenn sie nicht durch Krankheit, familiäre Umstände oder Missstände auf Seiten der Dozenten zu erklären sind. Tritt im nächsten Jahr keine deutliche Leistungssteigerung ein, kann der oder die Betreffende aus der Förderung herausfallen. Prüfung, Beratung und Stipendium sollen den jungen Studierenden helfen, ihren Weg durch das Studium mit Zuversicht und Selbstvertrauen gehen zu können.


Auslandssemester im Master- und Promotionsstudium sind dabei ausdrücklich erwünscht. Die Stipendiaten sollen international Erfahrungen sammeln, mit Methoden und Standards ihres Faches an Forschungseinrichtungen renommierter Universitäten außerhalb des Kongo vertraut werden und dort ihre eigenen Arbeiten zum Abschluss bringen. In der Wahl des Landes und der Universität sind sie frei. Sie müssen ihre Wahl allerdings begründen und darlegen, wie sie ihre Doktorarbeit und die Rückkehr in den Kongo planen. Das Fördersystem übernimmt dann die oft gerade auch in Afrika hohen Studiengebühren und die anfallenden Kosten für Unterkunft und Verpflegung sowie für die Hin- und Rückreise. 


Besonderes Gewicht liegt auf den sogenannten ‚Re-Entry-Stipendien‘. Das BEBUC-Programm ist vorrangig dazu gedacht, eine neue Generation von exzellenten und motivierten kongolesischen Professorinnen und Professoren heranzuziehen. Daher erhalten Stipendiaten, die ihr Studium mit der Promotion an einer ausländischen Universität erfolgreich absolviert haben, eine Förderung für einen Zeitraum von bis zu zwölf Monaten, wenn sie in den Kongo zurückkehren und über eine Professur ihr Wissen an Hochschülerinnen und -schüler, die eine Partneruniversität von BEBUC in der RDC besuchen, weitergeben. BEBUC unterstützt derzeit fast 200 Stipendiaten, von denen über 70 gegenwärtig ihre Master- oder Promotionsstudien an einer Universität außerhalb ihres Heimatlandes durchführen, die meisten davon in den Life Sciences Medizin, Pharmazie, Biologie, Chemie, Agrar- und Forstwissenschaften. 23 Stipendiaten sind inzwischen auf Professorenstellen in der RDC berufen worden, darunter zwei Frauen. 


Fördersummen 

Die Stipendien reichen von hundert Euro monatlich für Bachelorstudierende bis hin zu Fünf-Jahres-Budgets von 25.000 Euro für angehende Medizinerinnen und Mediziner. Bereitgestellt werden können für BEBUC über die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung, Mitgliedsbeiträge des Fördervereins, Patenschaften und Spenden von etwa 600.000 Euro pro Jahr. Masterstudierende und Doktoranden sind gehalten, sich auch um anteilige Fördergelder anderer Institutionen wie Universitäten, NGOs oder durch den DAAD zu bemühen. Auf diesem Weg wurden in den letzten Jahren durchschnittlich weitere ca. 1,5 Millionen Euro p. a. eingeworben. Insgesamt sind seit der Gründung von BEBUC 2008 mehr als 15 Millionen Euro an Kern- und externer Förderung in eine effiziente Ausbildung kongolesischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geflossen. 


Individuelles Mentoring & demokratische Strukturen 

Über die finanzielle Förderung hinaus trägt das begleitende Mentoring durch die Vorstandsmitglieder und die Paten wesentlich dazu bei, den Gedanken der Völkerverständigung und der Toleranz auf kulturellem Gebiet unter den Stipendiaten zu stärken. Das Mentoring dient auch dazu, die Studierenden immer wieder daran zu erinnern, dass im akademischen Alltag und bei Publikationen stets die Prinzipien der Fairness und der guten wissenschaftlichen Praxis zu wahren sind. 

Die Stipendiaten selbst haben unter der Ägide von Bringmann einen Sprecherrat mit einem Prime Speaker als ihre Interessenvertretung eingerichtet. An jeder partizipierenden Universität wird je nach Anzahl der Geförderten mindestens ein Sprecher gewählt, die im Ausland studierenden Stipendiaten, die sich im ‚External Virtual Institute‘ organisieren, stellen ebenfalls Sprecher. So werden in BEBUC demokratische Strukturen erlernt und gelebt. Dabei ist ein effizientes Netzwerk zum informellen Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung entstanden. Von den Stipendiaten werden gemeinsame Seminare und Exkursionen, Umweltsymposien mit der Anpflanzung von Baumsetzlingen oder Aktionen zum Women's Day veranstaltet. 


Frauenförderung 

Um den Frauenanteil unter den BEBUC-Studierenden zu erhöhen, der jetzt schon bei gut einem Drittel liegt, stehen zwei spezielle Förderangebote bereit: zum einen Stipendien für begabte Schülerinnen an Gymnasien, die hauptsächlich den Zweck haben, die Stipendiatinnen unabhängiger von ihrer sozialen Herkunft und von gesellschaftlichen Erwartungen zu machen und ihnen Mut für den Übergang an eine Universität zu geben; zum anderen das neu etablierte ‚Mothers in BEBUC‘-Projekt, das studierende Mütter zusammenführt und sie mit einem zusätzlichen monatlichen Geldbetrag unterstützt, der die gesteigerten finanziellen Belastungen kompensieren und damit einem Abbruch des Studiums oder einer Verlängerung der Studienzeit vorbeugen soll. 

Ausblick 


Das BEBUC-Programm stellt einen in Konzeption und Realisierung gelungenen Ansatz dar, der RDC wieder den Anschluss an den globalen wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu ermöglichen. Es ist auf Kontinuität angelegt und erfüllt im Kongo als einem Nachkriegsland zugleich eine humanitäre Aufgabe. Das Ansehen und die Strahlkraft von BEBUC beruhen nicht nur auf der Exzellenz, sondern auch auf der Integrität der Stipendiaten und der aus ihren Reihen hervorgegangenen Professoren. Sie bilden eine zukunftsorientierte Wertegemeinschaft, die in ethischer und epistemologischer Hinsicht eine Renaissance ihres Landes anstrebt und deren leitende Idee Gerhard Bringmann in dem Motto zum Ausdruck gebracht hat: „Bila elimu hakuna maendeleo na amani“ (in Suaheli) – „Ohne Bildung kein Wohlstand und Frieden“. 



Monica Obendus (rechts) mit ihrer Patin Sarah Onyembe, ebenfalls BEBUC-Stipendiatin



Im Anschluss an die Evaluierung wird groß gefeiert: Virima Mudogo und Gerhard Bringmann mit Stipendiaten



Glücklich über das gewonnene Stipendium: die neu hinzugekommenen und die verlängerten Stipendiaten, in der Mitte Professor Mudogo und Dr. Vivi Maketa, inzwischen die erste der BEBUC-Professorinnen



Topnoten: der Biologiestudent Séraphin Kulimushi präsentiert sein Konzept an der Tafel



Ein Blickfang für Mitglieder der Universität Kinshasa: Ankündigung einer BEBUC-Evaluierung



 


Christine Wolf M.A. kommt aus Unterfranken und hat an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg Volkskunde, Germanistik, Kunstgeschichte und Archäologie studiert. Sie war langjährige Dozentin für mittelalterliche Medizinliteratur und arbeitet derzeit als freischaffende Lektorin. Seit 2009 ist sie Schatzmeisterin des Fördervereins Uni Kinshasa e. V., dem sie als Gründungsmitglied angehört, und Finanzvorstand des Stipendienprogramms BEBUC.

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