„Soft-Skills sollten Querschnittsaufgabe in allen Fächern werden“

Interview mit Prof. Christian Palentien geführt von Simon Schütz



Christian Palentien ist Professor für das Arbeitsgebiet „Bildung und Sozialisation“ am Fachbereich „Erziehungs- und Bildungswissenschaften“ an der Universität Bremen. Zuletzt war er Vorsitzender der Sachverständigenkommission des 16. Kinder- und Jugendberichts zum Thema „Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter“ der Bundesregierung. Palentien ist aktuell wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Lehrerinnen-/ Lehrwerbildung und Bildungsforschung (ZfLB) der Universität Bremen. Vornehmlich beschäftigt er sich mit der Ausbildung angehender Lehrkräfte, sein Augenmerk liegt dabei auf benachteiligten Kindern.



Professor Palentien, Soft Skills werden immer häufiger als entscheidende Eigenschaften betont – besonders was Karriere, aber auch was das Sozialleben generell angeht. Wie genau definieren Sie Soft Skills?


Christian Palentien (CP): Als Soft Skills werden Persönlichkeitseigenschaften, -einstellungen oder -fähigkeiten bezeichnet. Ihnen gegenüber stehen die fachlichen Fähigkeiten, also die sog. Hard Skills. Unterschieden wird bei Soft Skills meistens zwischen den kommunikativen, sozialen, emotionalen und manchmal auch noch methodischen Kompetenzen, wie beispielsweise Teamfähigkeit, Kooperationsbereitschaft, kreatives Denken oder Flexibilität. Soft und Hard Skills können miteinander verbunden sein, müssen es aber nicht: So kann beispielsweise jemand über ein ausgeprägtes Fachwissen verfügen, aber nicht in der Lage sein, in einem Team zu arbeiten. In diesem Fall wird es schwer werden mit einer erfolgreichen beruflichen Karriere.


Viele betonen Soft Skills mit Blick auf den beruflichen Erfolg. Ist es aber nicht viel mehr eine generelle Vorbereitung auf das Leben mit all seinen Herausforderungen?


CP: Der Begriff Soft Skills ist am gebräulichsten in der Personalwirtschaft, hat aber in den letzten Jahren auch Eingang gefunden in die pädagogische Diskussion. Hintergrund sind gesellschaftliche Veränderungen und die Erkenntnis, dass die in Wissensgesellschaften verlangten Fähigkeiten zur Mobilität zunehmend auch eine Befähigung von Kindern und Jugendlichen zu Transferleistungen in kognitiver, emotionaler, sozialer, kultureller und räumlicher Hinsicht voraussetzen. Soft Skills, also Kompetenzen im sozialen, emotionalen und kommunikativen Bereich, sind hierfür unabdingbar.


Mit Blick auf die Entwicklung in Deutschland: Würden Sie sagen, dass junge Menschen heute generell eher mehr oder weniger Soft Skills besitzen als die Generationen vor ihnen?


CP: Unterschiedliche Generationen miteinander zu vergleichen, ist immer schwierig. Beobachten lässt sich aber, dass junge Menschen heute über andere Kompetenzen verfügen als die Generationen vor ihnen. So sind Jugendliche heute beispielsweise in der Lage, relativ souverän miteinander in sozialen Medien zu kommunizieren. Problematisch ist es natürlich, wenn sich die kommunikativen Kompetenzen Jugendlicher hierauf beschränken – und sie beim Schreiben einer E-Mail bereits an ihre Grenzen geraten.


Sollten Soft Skills zum Unterrichtsstoff werden – und wenn ja wie?


CP: Die wichtigsten Vermittler von Soft Skills im Kindesalter sind die Familien, zu einem späteren Zeitpunkt im Lebenslauf tritt dann die Schule hinzu. Soft Skills sollten nicht nur Gegenstand eines Unterrichtsfachs sein, sondern Querschnittsaufgabe in allen Fächern werden. Soziale, emotionale und kommunikative Kompetenzen vermittelt man am besten, wenn sie als Unterrichtsprinzip sowohl im fachlichen, fächerübergreifenden und projektorientierten Lernen gelten.


Ab welchem Alter können Kinder bzw. Jugendliche Soft Skills erlernen?


CP: Von Geburt an dienen die Eltern als Vorbilder. Die Art und Weise, wie sie miteinander kommunizieren, welche Rollen sie ausfüllen oder wie sie mit ihren Emotionen umgehen, prägt Kinder. Die hohe Relevanz der Familie zeigt sich aber auch im negativen Sinne, denn: Trotz zahlreicher bildungspolitischer und pädagogischer Bestrebungen ist es bisher immer noch nicht gelungen, einen Kreislauf, der zur Folge hat, dass die Chancen benachteiligter Kinder auf Grund ihres familialen Hintergrunds oftmals bereits vor dem Eintritt ins Schulsystem vermindert und im Laufe der Zeit verfestigt werden, zu durchbrechen.


Wie sehr haben die letzten zwei Jahre Corona-Pandemie die Entwicklung von Soft Skills behindert – und können die Betroffenen das wieder aufholen?


CP: Die Corona-Pandemie und die Strategien zu ihrer Bewältigung können als Stresstest für Soft Skills betrachtet werden: Geschildert werden erhebliche Einschränkungen der (Selbst-)Bildungsprozesse junger Menschen; hinzu kommt, dass bestehende soziale Ungleichheiten in Bezug auf die Bildungschancen nicht nur sichtbarer, sondern auch verstärkt worden sind. Auch die mit der Pandemie verbundene Digitalisierung ist kein Ersatz für gemeinsame Erfahrungen und persönliche Begegnungen. Genau diese Begegnungen, also authentische Erfahrungen, sind es, die Kindern und Jugendlichen zur Entwicklung von Soft Skills nun vermehrt ermöglicht werden sollten.


Bleibt am Ende alles an den Lehrerinnen und Lehrern hängen oder spielen die Eltern weiterhin eine entscheidende Rolle?


CP: Die Schule ist die pädagogische Institution, die im Lebensverlauf von allen Kindern und Jugendlichen durchlaufen wird. Damit kommt ihr – und den Lehrerinnen und Lehrern – eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung von Soft Sills zu. Insbesondere in den ersten Lebensjahren ist aber die Familie der zentrale Ort für die Betreuung, Bildung und Erziehung von Kindern. Der Einfluss von Familien auf die Entwicklung von Soft Skills bei jungen Menschen beginnt bei der Herausbildung grundlegender Werte und Haltungen, wie z. B. Rücksicht, Solidarität, Anteilnahme und Umgang mit Freunden. Im Idealfall begreifen sich Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern als gleichberechtigte Partner*innen, geht es um die Bildung und Erziehung der Kinder.Dies schließt die Entwicklung von Soft Skills mit ein.


Wie sehr nehmen die sozialen Netzwerke, Instagram, Tik Tok und Co. Einfluss auf die Entwicklung von Soft Skills?


CP: Kinder und Jugendliche wachsen in einer digitalen Gesellschaft auf: Ein kritischer und kompetenter Umgang mit digitalen Medien ist grundlegend für ihre Entwicklung. Es ist wichtig, dass junge Menschen in der Lage sind, digitale Medien selbstorganisiert, reflektiert und kreativ zu nutzen. Soft Skills, also Kompetenzen im sozialen, emotionalen und kommunikativen Bereich, werden aber nur begrenzt in medialen Räumen entwickelt und erworben. Vielmehr erleben junge Menschen Soft Skills in sehr verschiedenen, für das Aufwachsen wichtigen sozialen Räumen und alltäglichen Bezügen, von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Hierzu zählen zwar auch die sozialen Netzwerke, Instagram, Tik Tok und Co, aber eben keinesfalls nur.



Simon Schütz wurde war bis 2020 als Politik-Journalist bei BILD und bei dem amerikanischen Sender National Public Radio (NPR) tätig. Durch Journalistenstipendiate (Arthur Burns Programm, RIAS Programm) war er außerdem als Journalist in New York City und Tulsa tätig. Für BILD war er 2016 als US-Korrespondent in Washington D.C. und berichtete über den Wahlkampf sowie die Wahl Trumps. Außerdem leitete er im Sommer 2019 als Chef vom Dienst die Nachtredaktion von BILD in Los Angeles. Aktuell arbeitet Herr Schütz als Leiter der Pressestelle des Verband der Automobilindustrie (VDA) e.V.