Bildungserfolg durch Diversität

von Jim Christiansen-Weniger


Ich durchlief meine eigene Schulbildung in einer Kleinstadt im Norden Sachsen-Anhalts. An einer Schule mit 400 Schülern kamen die meisten von diesen von den umliegenden Dörfern. Die Mehrzahl von Lehrkräften, meist noch Relikte aus der DDR, mieden jegliche Art der Weiterbildung und freuten sich jedes Jahr, wieder ein Stück näher an die Pension gerückt zu sein. Dementsprechend waren die Unterrichtsmaterialien. Es wurde sich geweigert, die Welt mit allen diversen und verschiedenen Eigenschaften aufzuzeigen. Das war für mich in meinem weiteren Leben schwierig. Ich lebte nach meinem Abitur in einer Großstadt und musste lernen, dass meine Schulbildung mir nicht im Ansatz aufgezeigt hat, dass es nicht nur das eine und richtige Leben gibt. Zudem möchte ich mir gar nicht ausmalen, wie es denjenigen ergangen ist, welche aufgrund von Herkunft, Religion oder auch sexuellen Orientierung von diesem einen und richtigen Leben abwichen und den es äußerst schwer gefallen ist, sich selbst dadurch zu akzeptieren.

Daher braucht es mehr Diversität und Pluralismus in unseren Schulen. Lehrkräfte müssen weg von dem Gedanken, dass Diversität als Belastung für den Unterricht anzusehen ist. Es ist vielmehr eine Chance. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie ein Lehrkörper es schaffen kann, Diversität im Unterricht zu vermitteln und wieso es für den Bildungserfolg so wichtig ist.

De Jure ist die Bundesrepublik gemäß Art. 5 des „Gesetz zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006 über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ verpflichtet, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, vom Gesetz gleich zu behandeln sind und ohne Diskriminierung Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz und gleiche Vorteile durch das Gesetz haben. Dieser Grundsatz soll sich auch auf das deutsche Schulsystem richten. Hierbei sollen den Schülerinnen und Schülern durch Diversität und Pluralismus aufgezeigt werden, dass es kein Platz für Diskriminierung oder ähnliches gibt.


Jedoch ist die Frage, wie Lehrkörper dieses Ziel erreichen sollen.


Grundsätzlich können Lehrende zwei Arten des Erklärens wählen. Einerseits können diese bestimmte Inhalte und auch Strukturierungsweisen vermitteln. Anderseits können und sollen diese auch Schülerinnen und Schülern bei einer eigenständigen Verarbeitung von Lernangeboten unterstützen.

Die Vermittlung von bestimmten Inhalten kann auf verschiedenste Weise strukturiert werden. Hierbei muss es für den Beginn entscheidend sein, dass Lehrkräfte die Diversität unserer Welt verstehen und diese akzeptieren. Ein Lehrer/in, welche nicht verstehen will, dass es biologische Vielfalt oder Diversität durch verschieden Sozialisationen oder ähnliches gibt, ist meines Erachtens ungeeignet, diesen Beruf auszuüben.


Dieses Verständnis und Akzeptanz müssen präventiv erarbeitet werden. Es braucht für die Studentinnen und Studenten des Lehramtes spezielle Seminare und Vorlesungen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Hierbei muss den Studierenden vermittelt werden, wie notwendig das Thema in der Schulbildung ist.

Es darf jedoch bei der universitären Bildung nicht bleiben. Es müssen vielmehr in dem weiteren Berufsleben Weiterbildungen angeboten werden, die sich mit Diversität und Pluralismus in der Schule beschäftigen.


Nicht nur muss dieses verstanden/akzeptiert werden, auch muss die Fähigkeit vorhanden sein, bestimmte Themen pluralistisch darstellen zu können. Es ist niemanden geholfen, wenn erwähnt wird, dass eine „normale“ Beziehung aus einem Mann und einer Frau besteht und dass es daneben auch homosexuelle Sonderformen gibt, welche jedoch irgendwie „nicht so normal“ sind. Lehrkräfte müssten darlegen können, dass jeder Schüler und jede Schülerin die volle Brandbreite an Möglichkeiten hat und dass es verschiedene Geschlechter, Herkünfte oder Religionen gibt, welche alle gleichwertig sind und unsere Gesellschaft mit Ihrer Vielfalt stärken. Diese Ziele können durch Maßnahmen umgesetzt werden.


Lehrbücher können diese gut aufzeigen. Wieso müssen beispielsweise in einem Biologielehrbuch im Bereich Sexualkunde immer ein Mann und eine Frau dargestellt werden. Wieso müssen Frauen, wenn es um den islamischen Glauben geht, immer mit einer Vollverschleierung und einem bärtigen Ehemann skizziert werden. Dies prägt jedes Kind und hindert es daran, die Welt als divers und pluralistisch zu verstehen. Es braucht hierbei Reformen.

Eine weitere Maßnahme muss sein, die Schüler-Schüler-Beziehung zu verändern. Es ist wichtig, dass dieser Prozess von neuen Denkanstößen und anderen Sichtweisen nicht nur von einem Lehrkörper „vorgegeben“ wird, sondern muss dieses von jeder Schülerin und jedem Schüler selbst ausgehen. Gutes Instrument kann hierbei die Gruppenzusammensetzung bei Partner- und Gruppenarbeiten oder im Rahmen des Sportunterrichtes sein. Um hierbei die Diversität zu fördern, wäre es sinnvoll, die Gruppenzusammensetzung von Partner- und Gruppenarbeiten zu steuern, anstatt diese dem Zufall zu überlassen. Wenn ein Schüler/in mit Personen anderes Geschlecht, Sexualität, Herkunft oder Religion intensiv zusammenarbeitet, fällt es leichter, diverser zu denken.


Was die eigenständige Verarbeitung von Lernangeboten betrifft, so müssen Möglichkeiten geschaffen werden, dass Schülerinnen und Schüler sich selbst über eigene Erfahrungen und auch Probleme bezüglich dem „Anderssein“ austauschen können. Hierbei kann beraten und informiert werden. Dies führt dazu, dass keine Angst mehr besteht, Neues kennenzulernen und tolerant zu sein.

Es fragt sich nun, wieso Diversität so derart wichtig für den Bildungserfolg ist. Schließlich wäre es doch viel einfacher, würde nur die eine Art und Weise vorgestellt wird und wir würden uns alle nach dieser richten. Diese Denkweise ist jedoch falsch. Es ist essenziell notwendig, dass Schülerinnen und Schüler aufgezeigt wird, dass wir in einer diversen und pluralistischen Welt leben. Dies ist vor allem gesellschaftsfördernd. Wenn Kinder bereits im Schulalter gelernt haben, dass es viele andere Lebensarten und -weisen gibt, so fällt es diesen auch im späteren Alter nicht schwer, ihre eigene Art zu entwickeln und auszuleben. Es muss sich nicht geschämt oder versteckt werden aus Angst, man würde nicht in die Norm passen. Daher braucht es mehr Diversität in unseren Schulen.

Hätten meine Lehrer und Lehrinnen diese Maßnahmen umgesetzt, wäre es mir, glaube ich, sowie dem einen oder anderen nicht so schwergefallen, sich erst einmal in das diverse und pluralistische Leben nach der Schule hineinzufinden. Ich hatte jedoch das Glück, dass meine Eltern mir aufzeigen konnten, wie wichtig es ist, divers zu denken. Jedoch geht es vielmehr um Kinder, die nicht solch ein Glück hatten wie ich. Wenn solche Maßnahmen nicht umgesetzt werden, öffnet das Tür und Tor für Homophobie, Fremdenfeindlichkeit oder generelle Intoleranz. Somit sieht man, dass Lehrerinnen und Lehrer eine viel wichtigere Aufgabe haben als die bloße Vermittlung von blankem Stoff. Dieser Aufgabe müssen sie sich jedoch bewusst werden.

 

Jim Christiansen-Weniger ist 21 Jahre alt und studiert Rechtswissenschaften an der Georg-August-Universität in Göttingen. Er ist Vorsitzender der Liberalen Hochschulgruppe Göttingen sowie Beisitzer im Bundesvorstand der Liberalen Hochschulgruppen. Ihr erreicht ihn unter: christiansen-weniger@bundes-lhg.de.