Bildung darf keine Frage der sozialen Herkunft sein

Ein Interview mit Dr. Jens Brandenburg, MdB, geführt von Dr. Ann Sophie Löhde



Dr. Jens Brandenburg (36) ist Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung. An der Universität Mannheim hat er Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre studiert und anschließend promoviert. Bevor er 2017 als Abgeordneter für den Rhein-Neckar-Kreis in den Deutschen Bundestag gewählt wurde, hat er für eine weltweit tätige Unternehmensberatung gearbeitet.



Was war Ihr Lieblingsfach in der Schule und warum?


Jens Brandenburg (JB): Mein Lieblingsfach war Mathe. Es war in sich so logisch und für mich war es immer spannend, auch komplexe Aufgaben zu lösen. Außerdem hatte ich wirklich gute Lehrer erwischt.


Haben Sie ein bildungspolitisches Herzensthema?


JB: Bildung darf keine Frage der sozialen Herkunft sein. Im Koalitionsvertrag haben wir uns in dieser Hinsicht viel vorgenommen: das Startchancenprogramm für Schulen in benachteiligten Regionen, eine grundlegende BAföG-Reform und eine Exzellenzinitiative Berufliche Bildung. Damit wollen wir den Grundstein für ein neues Jahrzehnt der Bildungschancen legen. Diese ambitionierte Bildungsagenda ist ein Grund zur Freude und eine große Verantwortung zugleich. Es freut mich sehr, dass ich als Parlamentarischer Staatssekretär nun unmittelbar an der Umsetzung mitwirken darf.


Bildung ist ein vielschichtiger Begriff – mit dem viele Erwartungen verbunden sind.

Was ist für Sie Bildung – Und was ist es nicht?


JB: Bildung bedeutet für mich, Menschen zu einem selbstbestimmten Leben zu befähigen. Sie umfasst bei Weitem nicht nur Faktenwissen und endet nicht mit dem Schul- oder ersten Ausbildungsabschluss. ‚Ausgelernt‘ gibt es nicht mehr. Je nach Lebenssituation sind die Bedarfe sehr unterschiedlich. Es muss uns zukünftig noch besser gelingen, Bildungsangebote für Menschen in jedem Alter zu schaffen.


Soft Skills sind heute immer gefragter. Letztlich entscheiden sie oft darüber, ob und wie erfolgreich Menschen in ihrem späteren (Berufs)Leben sind. Kann Schule Soft Skills vermitteln?

Was können wir da besser machen?


JB: Bildungspolitische Debatten drehen sich meist um Schulsysteme, neue Fächer und die technische Ausstattung unserer Schulen. Aber gute Bildung fängt bei den Lehrkräften an. Sie prägen, motivieren, stärken, hinterfragen, vermitteln Kompetenzen und Werte. Umso erstaunlicher ist, dass die Schulpolitik die Auswahl, Aus- und Weiterbildung der besten Lehrkräfte so selten in den Fokus rückt.

Im schulischen Alltag zählen nicht fachwissenschaftliche Spezialisierungen, sondern pädagogische, didaktische und lernpsychologische Kompetenzen. Angehende Lehrkräfte brauchen zunehmend fächerübergreifende Kompetenzen wie agiles Arbeiten und Design Thinking ebenso wie eine Vorbereitung auf praktische Themen wie den Umgang mit häuslicher Gewalt und Cybermobbing. Hierzu werden wir die Qualitätsoffensive Lehrerbildung weiterentwickeln und gemeinsam mit den Ländern eine Koordinierungsstelle für Lehrkräftefortbildung einrichten.


Aufstiegschancen in Deutschland sind unterdurchschnittlich. Immer weniger schaffen es, mehr als ihre Eltern zu verdienen. Der Aufstieg aus der „Arbeiterfamilie“ scheint hier besonders schwer.

Woran liegt das?


JB: Die immer noch enorme Abhängigkeit der Bildungschancen von der sozialen Herkunft ist ein riesiges Gerechtigkeitsproblem. Der flächendeckende Schullockdown in der Pandemie hat das schmerzlich vor Augen geführt: Nicht jeder hat zuhause die nötige technische Ausstattung, ein eigenes Zimmer und ein soziales Umfeld, das jeden Tag aufs Neue zum Lernen motiviert. Die immer noch enorme Abhängigkeit der Bildungschancen von der sozialen Herkunft ist ein riesiges Gerechtigkeitsproblem. Der flächendeckende Schullockdown in der Pandemie hat das schmerzlich vor Augen geführt: Nicht jeder hat zuhause die nötige technische Ausstattung, ein eigenes Zimmer und ein soziales Umfeld, das jeden Tag aufs Neue zum Lernen motiviert. Endlich wieder sozialen Aufstieg zu ermöglichen, ist ein Kernanliegen für die FDP. Nach dem Vorbild der NRW-Talentschulen wollen wir mit dem geplanten Startchancen-Programm die Schulen mit den bundesweit größten sozialen Problemen am besten unterstützen.


Wir haben seit zwei Jahren Unterricht unter Corona-Bedingungen. Lerndefizite sind in dieser Zeit vor allem bei den Kindern gewachsen, die aus sozialschwachen Milieus kommen.

Wie können wir dem entgegenwirken?


JB: Ob und inwiefern Unterricht im Lockdown stattgefunden hat, hing sehr von der jeweiligen Schule und Lehrkraft ab. Neben erheblichen Lernrückständen hat die soziale Isolation vor allem psychische Probleme hinterlassen. Solche flächendeckenden und monatelangen Schulschließungen dürfen sich nicht wiederholen. Mit der Aufhebung der epidemischen Lage nationaler Tragweite haben wir das im Bund gewährleistet. Nun brauchen wir echte Aufholprogramme in den Ländern. So können die Landesregierungen beispielsweise in Zusammenarbeit mit den Hochschulen Lehramtsstudierende für eine Unterstützung in den Schulen anwerben.


Zu einem Phänomen in vielen Städten: Junge Eltern verlassen das hippe Milieu, um ihre Kinder auf „bessere“ Schulen zu schicken.

Wie können wir dieser Entwicklung entgegenwirken?


JB: Die freie Schulwahl ist für uns ein hohes Gut. Gleichzeitig wollen wir die allgemein- und berufsbildenden Schulen unterstützen, die viele Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Milieus betreuen. Das Startchancen-Programm habe ich eben schon erwähnt. So können sie zusätzlich in ihre Ausstattung investieren. Mit einem Chancenbudget, das die Schulen selbst verwalten können, sollen die Schulen die Möglichkeit bekommen, weitere Lernangebote und außerschulische Kooperationen zu entwickeln. Zusätzliche Stellen für schulische Sozialarbeit, Schulentwicklung und Berufsorientierung sollen geschaffen werden können.


Kann sich Deutschland weiterhin 16 mehr oder weniger unterschiedliche Wege und Schwierigkeitsgrade zum Abitur erlauben?


JB: Der Bildungsföderalismus hat seine historische Berechtigung und sicherlich auch Vorteile. Nie wieder soll eine zentrale Macht in Deutschland vorschreiben können, was bundesweit in den Klassenzimmern besprochen werden darf. Das ist auch eine Frage demokratischer Checks and Balances. Der Bildungsföderalismus muss aber modernisiert werden - mit verbindlichen Standards im Bund und mehr Umsetzungsfreiheit vor Ort. Der erste Digitalpakt hat das eindrücklich gezeigt. Wir wollen das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in der Bildungspolitik durch ein Kooperationsgebot ersetzen. Nur wenn Bund, Länder und Kommunen an einem Strang ziehen, können wir beste Bildungschancen für die Schülerinnen und Schüler schaffen.


Wir leben in einer Zeit, in der Fake News und Desinformation eine immer größere Rolle spielen. Viele Menschen erkennen eine unseriöse Quelle nicht. Kinder wachsen mit Social Media auf und lernen nur aus eigenen (negativen) Erfahrungen.

Wieso haben wir noch kein Schulfach, das diese Themen aufgreift?

Und wann wird es ein solches Schulfach geben?


JB: Ich bin sehr vorsichtig geworden mit Forderungen nach immer neuen Fächern. Ein kompetenter Umgang mit Medien – auch mit sozialen Medien – ist ein Querschnittsthema, dem sich alle Fächer widmen müssen. Schule darf sich Zukunftsthemen nicht verweigern, sondern muss auf aktuelle Entwicklungen reagieren. Dazu müssen aber zunächst Lehrkräfte entsprechend aus- und weitergebildet werden. Wir werden das im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung unterstützen.


Bildung ist unsere wichtigste Ressource ist so eine Phrase, die man immer wieder hört – und die sicherlich auch richtig ist. Wenn man sich den Zustand einiger Universitäten und Schulen aussieht, die Anzahl von Studenten, die sich (in nicht Corona-Zeiten) einen Vorlesungssaal teilen müssen – wie passt das zu unserem Anspruch, durch Bildung besser zu sein als andere?


JB: Die Zahl der Studierenden ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Das starre Kapazitätsrecht ist aber noch ein Relikt aus den 1970er-Jahren. Seitdem hat sich die Zahl der Studierenden vervierfacht. Auch wissenschaftliche Weiterbildung und Micro-Degrees finden im Kapazitätsrecht bisher keine Berücksichtigung. Wir haben uns daher vorgenommen, in dieser Legislatur gemeinsam mit den Ländern eine Reform des Kapazitätsrechts anzustoßen. Mit einer intelligenten Verbindung digitaler und analoger Lehre dürften allzu stickig überfüllte Hörsäle künftig eher der Vergangenheit angehören.


Die neue Regierung setzt sich auch für einen technologieoffenen Ansatz ein – in allen Branchen. Sind da Konflikte mit dem Wirtschafts- und Klimaministerium nicht vorprogrammiert?

Hier schreibt man gern auch mal vor, auf welche Technologie die Wirtschaft setzen soll.


JB: Die neue Fortschrittskoalition will die großen Zukunftsfragen unserer Zeit lösen. Dazu gehört auch Reibung im Ringen um die beste Lösung. Wir setzen uns natürlich ressortübergreifend für einen technologieoffenen Ansatz ein. Für die neue Forschungspolitik des BMBF gilt das ohnehin.




Dr. Ann Sophie Löhde wurde 1990 in Hamburg geboren. Ihr Studium begann sie an der WHU – Otto Beisheim School of Management und absolvierte im Anschluss ihren MBA in San Diego, Kalifornien. 2015 nahm sie ihr Promotionsstudium zum Thema Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke auf und arbeitet seit 2019 für ein deutsches Family Office als Investment Managerin. Schon während ihrer Jugend engagierte sie sich bei den Julis Hamburg und ist seit 2018 im Präsidium des VLA und für die Redaktion der Liberalen Perspektiven verantwortlich.