Recht auf Bildung

von Till Mansmann, MdB



Jeder hat das Recht auf Bildung.“ So steht es in Artikel 26, Abschnitt 1, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die grundlegende Bildung soll unentgeltlich allen zur Verfügung stehen, der Grundschulunterricht obligatorisch sein. Fach- und Berufsschulunterricht soll allgemein verfügbar sein und die Hochschulbildung den Schulabsolventen ihren Fähigkeiten entsprechend offenstehen. Um diese und weitere Ziele in der internationalen Entwicklungspolitik zu erreichen, haben sich die Vereinten Nationen in der Agenda 2030 hohe Ziele gesetzt und konkret 17 „Nachhaltigkeitsziele“ formuliert, die eine nachhaltige ökologische, soziale und ökonomische Entwicklung sicherstellen sollen. Das vierte dieser Sustainable Development Goals zielt auf die Gewährleistung hochwertiger Bildung. Dies beinhaltet eine inklusive und gleichberechtigte Bildung sowie die Ermöglichung lebenslangen Lernens für alle. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit orientiert sich maßgeblich an dieser Agenda 2030 und ihren Nachhaltigkeitszielen. Nach der Befriedigung elementarster Bedürfnisse, wie Essen und Trinken, Gesundheit und Obdach ist Bildung mit der wichtigste Faktor für Selbstbestimmung, persönliche Entwicklung und gesellschaftlichen Wohlstand. So ist Bildung ein integraler Bestandteil der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, insbesondere liegt der Fokus auf der Grundbildung, der dualen Ausbildung sowie Fort- und Weiterbildungsangeboten. Hierbei wird unter Beachtung des fünften Nachhaltigkeitsziels besonders darauf geachtet, die Rechte von Frauen und Mädchen zu schützen und für alle Geschlechter einen gleichwertigen Zugang zu Bildung sicherzustellen.

Selbstverständlich ist eine Abstufung entwicklungspolitischer Ziele immer schwierig. Menschwürdige Arbeitsbedingungen lassen sich nicht gegen die Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser aufrechnen, saubere und bezahlbare Energie ist nicht mehr oder weniger wichtig als lebenswerte und nachhaltige Städte und Gemeinden. Dennoch kommt der Bildung, neben den erwähnten menschlichen Grundbedürfnissen, eine besondere Rolle zu: Wer die Befriedigung der Grundbedürfnisse in Zukunft global verbessern will, schafft das nur mit verbesserter Bildung heute. Gerade vor dem Hintergrund der Notwendigkeit der wirtschaftlichen Transformation hin zur Klimaneutralität lehnen wir Freie Demokraten die in diesem Zusammenhang oft geäußerte sozial-ökologische Naturromantik, die linke Version von „Früher war alles besser“, klar ab. Die Lebensqualität hat sich durch den wirtschaftlichen Fortschritt gewaltig verbessert und das weltweit vor allem da, wo ordentliches marktwirtschaftliches Wirtschaften etabliert werden konnte. Durch eine Weltbevölkerung von bald rund 10 Milliarden Menschen stehen wir vor großen Herausforderungen – das ist aber nicht das Resultat von Misserfolgen durch sogenanntes „Marktversagen“, sondern im Gegenteil das Resultat von Erfolgen insbesondere bei der Gesundheit der Menschen weltweit und damit einer Infrastruktur, die nur durch hohe Wirtschaftsleistung geschaffen werden konnte.

Wer „zurück zur Natur“ will, zurück zu einer vermeintlich „guten, alten Zeit“, in der die Menschheit „im Einklang mit der Natur“ gelebt habe, begeht einen großen, grundsätzlichen Denkfehler.

Wir sind nicht so viele Menschen weltweit geworden, weil wir so rücksichtlos sind, sondern vor allem deswegen, weil wir nicht mehr sterben wie die Fliegen, weil nicht mehr nur 2 von 8 Kindern überleben, weil die Menschen im Durchschnitt in vielen Ländern um die 80 Jahre alt werden statt wie früher 40 oder 50 und weil es uns gelungen ist, im Ackerbau die Erträge im erforderlichen Maß zu dieser Entwicklung zu steigern. Dieser Erfolg stellt uns vor neue Herausforderungen – aber eine Kritik daran ist unangebracht: Wer „zu viele“ Menschen auf der Welt zählt, begibt sich in die gefährliche Nähe totalitärer Denkmuster, die dann erklären müssen, wer von diesen Menschen denn „zu viel“ sei. Degrowth, Postwachstum und sonstige Zeugnisse der modernen Wohlstandsverwahrlosung sind geradezu zynisch anmutende Konzepte in Anbetracht der Hunderten Millionen Menschen, die alleine in den letzten Jahrzehnten durch Wirtschaftswachstum ihren Weg aus der Armut fanden. Was wir jetzt brauchen, ist ein globales, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, das die notwendigen Innovationen und Investitionen für diesen Transformationsprozess bereitstellen kann – und die Grundlage dafür ist weltweit mehr Bildung.

Bildung und Wachstum beeinflussen sich gegenseitig, sie verstärken sich: Die Kausalität zwischen Bildung und Wirtschaftswachstum ist erstaunlich stabil. Die Bildungsleistung ist einer der wichtigsten Faktoren für langfristiges Wirtschaftswachstum – und das gerade unter der Einbeziehung weiterer wichtiger Kriterien wie beispielsweise der Eigentumssicherheit, Rechtstaatlichkeit oder der Offenheit für internationalen Handel.

Hierbei ist die Leistung in der Breite und in der Spitze wichtig. Kennedy traf diesbezüglich den Nagel auf den Kopf: „Es gibt nur eines, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung.“

Schlechte Bildungsleistungen in internationalen Vergleichstests erklären niedrige langfristige Wachstumsraten in beispielsweise Lateinamerika und Subsahara-Afrika und damit in Schwerpunktländern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. In Subsahara-Afrika schließen nur zwei Drittel der Kinder die Grundschule erfolgreich ab, der Alphabetisierungsgrad der über 15-Jährigen liegt bei nur 66 Prozent. Das sind zwar zehn Prozentpunkte mehr als im Jahr 2000, aber dennoch nicht mal annährend genug.

Von den volkswirtschaftlichen Folgen abgesehen ist dies vor allem für die Betroffenen persönlich katastrophal. Dies betrifft ganz Grundlegendes: Wer nicht rechnen kann, der kann nicht mal ein kleines Straßengeschäft führen. Aber auch weiterführendes Wissen ist von Bedeutung. Wer beispielsweise kein Englisch spricht, kann nicht im Tourismussektor arbeiten – ein Wachstumsmarkt gerade im Globalen Süden und damit in vielen Partnerländern.

Um den Menschen diese ganz persönlichen Verbesserungen zu ermöglichen, der individuellen Verarmung entgegenzuwirken und den gesellschaftlichen Wohlstand insgesamt zu steigern, ist Bildung ein so integraler Bestandteil der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Außerdem ist gute Bildung einer der wichtigsten Beiträge zur Chancengerechtigkeit, ohne sie wird Armut häufig vererbt. Das deutsche Engagement beginnt mit der Förderung der grundlegenden Bildung, da diese den Grundstein für das ganze Leben und die weitere Bildung legt. Ziel ist hier die Vermittlung grundlegender Fähigkeiten für den Alltag und die Arbeitswelt, beginnend bereits in Kindergarten und Vorschule.

Eine weitere Säule der entwicklungspolitischen Bildungszusammenarbeit Deutschlands ist die berufliche Bildung. Sie ist von großer Bedeutung für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung und die persönliche (Einkommens-)Situation, weil gut ausgebildete Fachkräfte gerade für international tätige Unternehmen sehr wichtig sind. Das Vorhandensein von Fachkräften zieht ausländische Direktinvestitionen an, das schafft hochwertige Arbeitsplätze, oft in der Industrie.

Die Bundesrepublik hat ihr Engagement in der beruflichen Bildung in den letzten Jahren stark ausgeweitet, mittlerweile ist sie die mit Abstand größte Geberin in diesem Bereich. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die duale Hochschulbildung ein, für die Deutschland in der ganzen Welt bekannt ist. Das habe ich bei Delegationsreisen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit des Deutschen Bundestages weltweit oft gehört.

Diese Verbindung aus arbeitsnaher Ausbildung und wissenschaftlichem Studium ist für praktisch alle unsere Partnerländer sehr interessant. Das duale Studium erfolgt grundsätzlich in enger Abstimmung mit privaten Unternehmen und vertieft damit automatisch die Zusammenarbeit eines Bildungssystems mit der Wirtschaft. Durch die staatlichen Investitionen im Zuge der Entwicklungszusammenarbeit können so privatwirtschaftliche Investitionen mobilisiert werden. Dieser Hebel ist ein mächtiges Instrument, um mit den öffentlichen Geldern eine maximale Wirkung zu erzielen.

Innerhalb der Bildungsförderung der Entwicklungszusammenarbeit muss man eine Sache deutlich hervorheben: Alle zuvor beschriebenen Herausforderungen gelten insbesondere für Mädchen und junge Frauen, da sie aus verschiedenen Gründen weniger Zugang zu Bildung erhalten als Jungen. Mädchen müssen oft im Haushalt oder in Landwirtschaft mithelfen und werden oft früh verheiratet. Dies hat zur Folge, dass sie seltener zur Schule gehen als Jungen, wenngleich Verbesserungen erkennbar sind. Vor 20 Jahren gingen weltweit dreizehn Prozent der Jungen und 19 Prozent der Mädchen nicht zu Schule, mittlerweile sind es nur noch sieben respektive neun Prozent.

Dennoch können weltweit 750 Millionen Menschen nicht lesen und schreiben, zwei Drittel von ihnen sind Frauen – dieser Anteil hat sich in den letzten 20 Jahren quasi nicht verändert. Aus diesen Gründen setzt die deutsche Entwicklungszusammenarbeit bei der Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen in der Bildung an, um einen gleichberechtigten Zugang zur Bildung zu ermöglichen.

Aus all den genannten Gründen ist Bildung, mit einem besonderen Fokus auf Frauen und Mädchen, ein wichtiger Bereich der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Aber bei aller Bedeutung der Bildung darf man das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. So kann es nach einer guten Ausbildung der Fachkräfte zum Braindrain, also zur Abwanderung der so Qualifizierten in reichere Länder, kommen, wenn die sonstigen Lebensumstände in den Partnerländern schlecht sind. Vor diesem Hintergrund müssen die Bemühungen zur Bildungsförderung durch eine ganzheitliche Entwicklungszusammenarbeit flankiert werden, bei denen die Least Developed Countries, die am wenigsten entwickelten Länder dieser Erde, unsere besondere Aufmerksamkeit erfordern. Grundlage für diese Art der Entwicklungszusammenarbeit ist aus Sicht von uns Freien Demokraten ein positives Menschenbild, das unserer Spezies zutraut, für die ganze Welt künftig bessere, nachhaltige Lebensumstände zu schaffen. Die Herausforderungen sind groß – die Menschheit kann sie meistern.



Till Mansmann ist 1968 geboren und kommt – wie seine Partei, die FDP – aus Heppenheim an der Bergstraße. Nach dem Wehrdienst begann er ein Physik- und Philosophiestudium, welches er als Diplom-Physiker abschloss. Nach viel kommunalem Engagement und seiner Tätigkeit als Fachredakteur bei einem mittelständischen Fachverlag wurde er 2017 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. 2021 zog er erneut in den Bundestag ein und ist seitdem entwicklungspolitischer Sprecher der Freien Demokraten. Er gehört dem Finanzausschuss sowie dem Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung an. Seine Hauptthemen sind Entwicklungszusammenarbeit, Steuern und grüner Wasserstoff.