E-Learning – Menschliche Verödung oder Aufbruch zu einem neuen Lernverständnis?

von Prof. Dr. Ralf-Rainer Piesold


Vorab – ich bin natürlich kein Verweigerer der digitalen Transformation oder gar ein Luddist, der Maschinen als Teufelswerk brandmarken würde. Ganz im Gegenteil, denn die digitale Transformation hat auch im Bildungsbereich zu erheblichen positiven Veränderungen geführt und wird diesen auch weiterhin stark verändern, sofern er denn richtig gestaltet wird. Dazu wird man in diesem Bereich noch stärker auf Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Bereich der anthropozentrierten Informatik setzen und einen medientechnischen Mix anwenden müssen.

Als am Anfang des Sommersemesters 2020 ein allgemeiner Lockdown in Deutschland ausgerufen wurde, traf dies auch die Hochschule weitgehend unvorbereitet. Wenige Tage vor Beginn meiner Vorlesungsreihe erfuhr ich, dass der Präsenzunterricht unmöglich geworden war. Insofern blieb nichts Anderes übrig, als den Unterricht mit Hilfe digitaler Medien zu gestalten. Vorteilhaft erwies sich, dass es schon teilweise passende Infrastrukturen gab und dass die Kenntnisse und Fertigkeiten der Generationen Y und Z – also der Studierenden – dies auch zuließen. Anfänglich versuchte man über die Chatfunktion einer Plattform, wie beispielsweise Moodle die Lehrveranstaltungen zu gestalten, was sich logischerweise als vollkommen unmöglich erwies. Es gab zwar Hochschullehrerinnen oder –lehrer, die lediglich Skripte und Arbeitsblätter über Unterrichtsplattformen bereitstellten, aber diese Form der Unterrichtsgestaltung erwies sich als vollkommen inakzeptabel. Insofern war es ein Segen, den Unterricht nach anfänglichen Problemen durch Webkonferenzen zu ermöglichen. Ohne diese Möglichkeit hätte womöglich eine Generation von Studierenden vier Semester verloren. Die Einbeziehung von Webkonferenzen erwies sich jedoch im Laufe der letzten vier Semester auch als limitiert, wie hier noch dargestellt werden soll.

Bei der Bewertung der Möglichkeiten des E-Learning’s ist jedoch eine differenzierte Betrachtung notwendig, da allein schon der Begriff eine lange Tradition hat und sehr weit aufgestellt ist. So stößt man bei einer Recherche über diesen mediendidaktischen Begriff auf Formen, wie das webbasierte Online-Learning, Computer-Based Education oder kybernetische Lernmaschinen. Insgesamt werden Entwicklungen über mehr als fünfzig Jahre beschrieben, wobei sich aber die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren erheblich geändert haben. Zum einen ist das Internet eine alltägliche Anwendung geworden, Systeme der künstlichen Intelligenz und Spracherkennung haben einen hohen Reifegrad erreicht und vor allem ist das Nutzerverhalten der letzten drei Generationen hochgradig computeraffin geworden.

Die Bereitstellung von Kursmanagementsystemen oder Lernplattformen, wie Moodle, ist an fast jeder Hochschule schon Realität, um browserbasierte Lernumgebungen zu schaffen. Neben einem Content-Management-System umfasst dieses auch Kommunikationsmöglichkeiten wie Chats und Foren und dient der Bereitstellung von Aufgaben und der Abgabe und Bewertung von Hausarbeiten, Bachelor- und Masterarbeiten etc. Aber auch die Entwicklung von automatisierten Lernsystemen, die teilweise KI-basiert sind, haben einen erheblichen Sprung gemacht. Hier lassen sich Sprachsysteme gestalten und auch Simulationen für gesellschaftliche oder technische Prozesse ermöglichen, die den Unterricht praxisnäher gestalten lassen.

Kommen wir nun zu den sogenannten Onlinekursen, die auch in verschieden Varianten existieren. Für einen Onlinekurs kann man beispielsweise als Ergänzung oder Ersatz eines Skripts Videoaufzeichnungen erstellen. Der Vorteil ist, dass sowohl die Erstellung als auch die Verwendung orts – und zeitunabhängig erfolgen kann, was wiederum eine sehr flexible Unterweisung ermöglicht. Der Hauptnachteil ist, dass diese Videosequenzen lediglich eine einseitige Kommunikation zulassen. Auch wirken diese, wenn sie nicht professionell gestaltet wurden, häufig amateurhaft. Eine besondere Form sind MOOCS (Massive Open Online Courses), die als weborientierte Onlinekurse meistens weltweit öffentlich verfügbar, professional gestaltet und mit sehr prominenten Hochschullehrinnen und –lehrern besetzt sind. Für eine Hochschule kann es vorteilhaft sein, MOOCS anzubieten, da sie dadurch ihren Bekanntheitsgrad steigern und ihr Image verbessern kann. Das Problem der einseitigen Kommunikation bleibt aber auch hier erhalten.

Webbasierte Videokonferenzen haben sich demgegenüber als vorteilhaft erwiesen, da in diesem Fall ein Dialog ermöglich wurde. Bei den Zoom-, Teams- oder Webex-Veranstaltungen tritt jedoch häufig das Problem auf, dass sie ab einer bestimmten Anzahl von Teilnehmern ebenso zu einer einseitigen Kommunikation führen. Wer schon einmal an einer Videokonferenz mit mehr als 20 Teilnehmern teilgenommen hat, bei der eventuell sogar die Audiosysteme gemutet werden mussten, kennt das Problem, das aus der Kommunikation mit schwarzen Kacheln resultiert. Es ist nicht nur frustrierend, weil weite Bereiche der menschlichen Kommunikation vernachlässigt werden, sondern auch ineffektiv, da die Aufmerksamkeit sehr schnell schwindet. Die Reaktionen meiner Kollegen auf die Nachricht, dass im letzten Wintersemester der Präsenzunterricht aufgegeben werden musste, war entsprechend negativ. Insofern sind webbasierte Videokonferenzen als Regelunterricht lediglich eine Notlösung. Bei großen Veranstaltungen, die zeitlich begrenzt sind und die nicht durch intensive zweiseitige Kommunikation geprägt sind, kann ein Videostreaming oder eine hybride Vorgehensweise jedoch vorteilhaft sein, zumal man auch Experten, die nicht vor Ort sind, in die Veranstaltung einbeziehen kann. Bei kleineren Gruppengesprächen mit weniger als zehn Teilnehmern ist diese sogar eine sinnvolle Ergänzung, da man sie effizient durchführen kann.

Wo liegen dann die Grenzen des E-Learnings? Zum einen kann man zurzeit nicht alle Bereiche der Wissenschaft in Computersimulationen abbilden, zum anderen findet menschliche Kommunikation nicht ausschließlich über audiovisuelle Kommunikationskanäle statt. Der Mensch zieht zahlreiche weitere Sinne heran. Insbesondere sind hier die haptischen, olfaktorischen, gustatorischen oder vestibulären Systeme zu nennen, die erst eine vollständige Wahrnehmung bzw. eine volle zwischenmenschliche Kommunikation ermöglichen. Blendet man diese aus, entstehen Defizite, die auch psychische Probleme auslösen können und sich so negativ auf den Lerneffekt auswirken.

Deswegen ist es so lange, wie die Mensch-Maschine-Schnittstellen nicht alle Sinne ansprechen, nicht vorteilhaft, die Unterrichtsorganisation ausschließlich digital zu gestalten. Insofern wird es in der Zukunft weiterhin Präsenzseminare und Diskussionsrunden geben, die aber durch E-Learning stark ergänzt werden. Hier findet man auch schon genügend Ansätze, die unter dem Begriff Blended Learning zusammengefasst werden. Der Mensch als Lernender und Unterweisender steht hier im Mittelpunkt, wie bei der anthropozentrierten Informatik oder dem Design Thinking.

Die Corona Pandemie hat das E-Learning erheblich vorangebracht, das ist positiv. Sie hat aber auch gezeigt, dass die vollständige Übertragung der bisherigen Unterrichtsorganisation nicht möglich ist. Die Lernorganisation wird sich in den nächsten Jahren noch stärker in Blended Learning Formen wandeln. Ähnlich wie der Buchdruck die Bildungslandschaft verändert hat, wird dies auch die Computertechnologie tun, wobei diese sogar noch über ein weit größeres Potential verfügt.

 

Prof. Dr. Ralf-Rainer Piesold lehrt an der Frankfurt University of Applied Sciences im Bereich Public Administration und Public- und Non-Profit Management. Er war hauptamtlicher Stadtrat (Beigeordneter) der Stadt Hanau. Er befasst sich seit Jahren mit eGovernment und smart-City-Konzepten.