Freiheit im Bildungssystem: Homeschooling

von Dr. Dagmar Schulze Heuling


A

bschaffung der Schulpflicht? Homeschooling? Bildungsfreiheit? Für viele Menschen in Deutschland scheinen diese Begriffe fast gleichbedeutend zu sein mit dem Untergang des Abendlandes oder der Zerstörung der liberalen Demokratie. Merkwürdige Bilder werden da beschworen: Die christlich-fundamentalistische Familie, die ihre Kinder vor geistigen Zumutungen wie der Evolutionstheorie schützen möchte, oder Eltern, die eine zu ihrem rassistischen Weltbild passende Lernumgebung gestalten. Es fehlt auch nicht die Befürchtung, dass jede Liberalisierung des Schulsystems die gesellschaftliche Spaltung begünstigt und die Lebenschancen von Kindern finanzschwächerer Eltern einschränkt.

In anderen Lebensbereichen ist es ohne Diskussion anerkannt, dass mehr Wahlfreiheit, etwa des Berufs oder der Lieblingsbäckerei, sich nicht nur positiv auf die Lebensfreude der Betroffenen auswirkt, sondern auch zu einer besseren bzw. der gewünschten Qualität von Leistungen führt. Wahlfreiheit kann sogar ein Ausdruck der Menschenwürde sein – man denke nur an das Verbrechen der Zwangsheirat. Mehr Freiheit im Bildungssystem oder gar die Freiheit, den eigenen Bildungsweg außerhalb eines vorgegebenen Systems zu suchen, stehen hingegen unter dem pauschalen Verdacht, gravierende negative Folgen auszulösen.

Zwar haben das zeitweilige Verbot von Präsenzunterricht und der daraus resultierende unfreiwillige Crashkurs in Fernunterrichtsmethoden gezeigt, dass selbst radikale Veränderungen möglich sind. Trotzdem gilt die öffentliche, also relativ einheitliche, staatlich veranstaltete Schule als Normalfall, mit der Konsequenz, dass nicht dieser gedankliche Prototyp gerechtfertigt werden muss, sondern jede Abweichung davon.

Doch die temporäre de-facto-Suspendierung, zumindest jedoch erhebliche Einschränkung schulischer Bildung aus Infektionsschutzgründen verlangt nach einem Hinterfragen vermeintlicher Gewissheiten der Bildungspolitik, und zugleich sind die guten wie schlechten Erfahrungen dieser Zeit wichtige Informationen für eine entsprechende Debatte. Die Veränderungen, die so plötzlich möglich waren, sind schließlich nichts weniger als bahnbrechend: Die Schulpflicht – die Pflicht, physisch im Unterricht anwesend zu sein – war phasenweise aufgehoben. Es wurde keine Bildungspflicht – die Pflicht, bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten nachzuweisen – an ihre Stelle gesetzt, sodass kein Homeschooling im Sinne eines von Eltern bestimmten Bildungsplans stattfinden konnte. Fernunterricht hingegen wurde zweitweise zur Norm. Diese riesige Herausforderung wurde durch das bestehende Bildungssystem manchmal, aber nicht immer gut begleitet. Für Eltern und Kinder konnte das sowohl Überforderung als auch ungekannte Freiheitsgrade bedeuten. Insofern überrascht die Zurückhaltung, mit der die Rückkehr zum Status Quo hingenommen wird. Vielleicht ist sie aber auch der Erfahrung geschuldet. Viel zu oft ähneln solche Debatten nicht einem produktiven Austausch, sondern einem argumentativen Stellungskrieg.

Ein Beispiel dafür ist der Schulbegriff selbst. Die herrschende juristische Lehre hält daran fest, dass das Wesen der Schule in organisatorisch-formalen Aspekten aufgeht. Auf funktionale Aspekte wie Erziehung und Bildung wollen dagegen nur einzelne Stimmen abstellen. Man kann also mit dem juristischen Schulbegriff sehr wohl ein heruntergekommenes Gebäude, in dem Propagandavideos in Dauerschleife gezeigt werden, als Schule charakterisieren. Nicht davon umfasst sind hingegen Eltern, die sich zusammenschließen und ein systematisches Bildungsprogramm umsetzen, damit die Infektionsschutzmaßnahmen nicht zu Lernrückständen bei ihren Kindern führen.

Zielführender als Klischees und versteinerte Positionen wäre eine Debatte, die sich zunächst mit den Ansprüchen an ein Bildungssystem auseinandersetzt, und sich anschließend mit Möglichkeiten ihrer Umsetzung befasst. Das ist fraglos leichter gesagt als getan. Aber immerhin zwei Aspekte dürften auf weitgehende Zustimmung stoßen: Erstens sollte Bildung dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche ein freies, selbstbestimmtes und erfülltes Leben führen können. Dabei helfen Lesen, Schreiben und Rechnen, Kenntnisse der Naturwissenschaften, aber auch soziale Fähigkeiten. Zweitens sollte ein Bildungssystem einem friedlichen und gedeihlichen Miteinander nicht abträglich sein und im Idealfall Tugenden wie Toleranz, Kritikfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Unabhängigkeit von Gruppendruck u. ä. befördern.

Was das erste Kriterium betrifft, so erhöht eine größere Wahlfreiheit die Wahrscheinlichkeit, dass ein Individuum eine passende Lernumgebung findet. Ein freieres Bildungssystem – in dem z. B. die Pflicht zum Nachweis bestimmter Kenntnisse und Fähigkeiten die Pflicht zum Unterrichtsbesuch ersetzt, oder in dem Schulen zwar staatlich finanziert und beaufsichtigt, aber privat betrieben werden – dürfte beim Lernerfolg eher besser abschneiden als ein öffentliches System.

Größere Bedenken bestehen meist hinsichtlich der staatsbürgerlichen Bildung und Erziehung. Ein freieres Bildungssystem, in dem sich alle eine Schule nach ihrem Geschmack, Wohnort und Geldbeutel aussuchen dürfen, könne dieses Ziel nicht fördern, so heißt es, sondern würde im Gegensatz zur öffentlichen Schule Polarisierung, Intoleranz und Spaltung begünstigen.

Empirisch ist diese These zweifelhaft. Auch theoretisch kann sie nicht überzeugen, beruht doch die Argumentation zugunsten der öffentlichen Schule auf einem Sein-Sollens-Fehlschluss. Mit anderen Worten: Sie ist reines Wunschdenken. In der Realität ist es eher umgekehrt, ein öffentliches Schulsystem ist ein Nährboden für Polarisierung, Intoleranz und Spaltung.

Der Grund ist einfach: Ein öffentliches Schulsystem ist ein Nullsummenspiel mit hohem Einsatz. Schließlich geht es um nichts weniger als die Verankerung eigener Überzeugungen in der nachwachsenden Generation. Wenn es dank einer im Ernstfall mit physischem Zwang durchgesetzten Schulpflicht kein Entkommen aus dem System gibt, befördert dies Unnachgiebigkeit und eine Mentalität des „wir gegen die“. Selbstverständlich gibt es in öffentlichen Schulen viele Beispiele für gelebte Toleranz und Pluralität. Doch die tolerantesten, demokratischsten Menschen können nichts daran ändern, dass die Idee eines verpflichtenden öffentlichen Schulsystems eine Verkörperung von Intoleranz ist.

Ein freieres Bildungssystem – das durchaus unter staatlicher Aufsicht stehen kann – ist also gelebte Toleranz gegenüber anderen Meinungen, Werten und Lebensweisen. Daraus ergeben sich Konflikte, bisweilen scharfe. Doch ist es besser, diese Konflikte auszutragen oder anzuerkennen, anstatt allen Beteiligten eine vermeintliche Lösung aufzuzwingen – um deren Ausgestaltung es dann umso erbitterteren Streit gibt.

 

Dr. Dagmar Schulze Heuling ist Politikwissenschaftlerin. Sie hat an der FU Berlin studiert und promoviert. Seit den ersten Wochen des Lockdowns analysiert sie nicht nur dessen gesundheitliche Konsequenzen, sondern auch seine rechtlichen, ethischen und politisch-philosophischen Implikationen. Dr. Dagmar Schulze Heuling ist Habilitandin an der Universität Erfurt.