Medienkompetenz muss endlich Schulfach werden – und zwar jetzt!

von Simon Schütz



Während Corona fand ich es besonders erschreckend: Menschen, von denen ich dachte, dass sie eigentlich wissen müssten, was eine seriöse Quelle ist und was nicht, schickten auf Whatsapp Links zu Artikeln oder Videos, die ziemlich schnell als Fake-Meldungen und bewusste Manipulation durch Falsch-Informationen zu identifizieren waren. Für mich zumindest. Meine Aufklärungsarbeit war nur bedingt erfolgreich. Die Nachrichten kamen weiterhin. Ein weiteres Beispiel: Influencer mag für einige Generationen ein Modewort sein – für viele Teenager sind Influencer Teil ihres Alltags. Ich sehe das regelmäßig bei meiner kleinen Schwester. Unendlich viele junge Menschen sind auf Instagram, Tik Tok und Co. unterwegs und verbringen teilweise täglich mehrere Stunden damit, sich Posts, Videos und Stories anzuschauen. Oft geht es dabei um Beauty, Fashion oder auch Sport oder Gaming. Viele Influencer äußern sich aber auch mehr oder weniger regelmäßig zu politischen Inhalten, beeinflussen also nicht nur Kaufentscheidungen, sondern werden zu digitalen Meinungsführen und zum Teil des politischen Diskurses. Darin liegen viele Chancen, genauso auch gewisse Risiken. Die vermeintliche (konstruierte) Nähe und das Vertrauen, das Follower zu Influencern empfinden, macht sie besonders empfänglich für die Botschaften ihrer Idole. Umso wichtiger ist also entsprechend aufgeklärter Umgang mit dieser Art der Beeinflussung.

Zwei unterschiedliche Beispiele, die nicht nur mehrere Generationen betreffen, sondern gleichzeitig zeigen, dass Soziale Medien, die Informationsflut im Internet, die Bedeutung von Quellen und die Absichten hinter Botschaften viel Einfluss auf unser Leben haben. Gleichzeitig ist die Expertise der Menschen, die Fähigkeit, die Informationen richtig einzuordnen, auf ihre Glaubwürdigkeit oder auf den Wahrheitsgehalt zu überprüfen, teilweise nicht ausreichend, teilweise überhaupt nicht ausgeprägt.

Medien und eine unendliche Verfügbarkeit von Informationen aus unterschiedlichsten Quellen stoßen auf eine Gesellschaft, die in vielen Teilen damit überfordert ist. Die einen lernen aus Fehlern, die anderen lassen sich zunehmend beeinflussen oder können nicht mehr unterscheiden, welche Informationen relevant und glaubwürdig sind, welche manipulativ oder fake.

Da muss sich etwas ändern. Und zwar jetzt. Denn diese Entwicklung wird sich nicht abschwächen, sie wird sich verstärken, neue Phänomene werden dazukommen und die vermeintliche Überforderung der Menschen (aller Generationen) wird zunehmen. Ohne Frage: Wir brauchen mehr Medienkompetenz.

Was genau versteht man eigentlich unter diesem Begriff?

„Medienkompetenz ist eine Schlüsselqualifikation, um sich in der beschleunigten Informationsgesellschaft orientieren, bilden und verantwortlich handeln zu können. Dabei geht es nicht vorrangig darum, Geräte bedienen zu können, sondern sie ethisch und sozialverträglich zu nutzen und für die Gestaltung des eigenen Lebens und der Gesellschaft einzusetzen“, erklärt Professor Norbert Neuß, Medienpädagoge sowie Erziehungswissenschaftler und seit 2008 als Professor für Pädagogik der Kindheit - Elementarbildung an der Justus-Liebig Universität Gießen.

Weiter erklärt er, dass die kritische Selbstreflexion, beispielsweise zum Einfluss von sozialen Medien auf die Entwicklung und Sozialisation von Kindern und Jugendlichen ein Teil davon sei.

In meiner Schulzeit – und die liegt jetzt auch schon 15 Jahre zurück – war Medienkompetenz kein direkter Teil des Unterrichts. Bei meiner jetzt 17-jährigen Schwester hat sich daran nichts geändert. Und mit Blick in die Zukunft scheint es auch noch keine konkreten Pläne zu geben, diesen Zustand zu ändern.

„Grundsätzlich muss sich die Schule heute fragen, wie sie Schülerinnen und Schüler auf lebensrelevante Themen in einer komplexen Gesellschaft vorbereitet und begleitet. Medienkompetenz ist ein solches Thema – wird aber in der Schule auf das lehrbare Gerätewissen reduziert“, erklärt Neuss. Und damit fasst er in einem Satz zusammen, was ich erlebt habe und was noch heute Normalität ist.

Eine Normalität, die wir uns nicht erlauben können und dürfen. Und auch das Argument, dass die entsprechenden Fähigkeiten in der Familie oder durch den Freundeskreis erlernt werden, sind falsch.

„In den Familien und im Austausch mit den Peers erwerben Kinder vor allem instrumentelle Fertigkeiten. Die Medienrezeption steht im Vordergrund. Sie sind aber in der Nutzung häufig nicht effektiv. Medieninhalte, Funktionsweisen und Geschäftsmodelle werden nicht verstanden und nicht kritisch hinterfragt“, erklärt Rudolf Kammerl, Professor für Medienpädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Hinzu kommt, dass der aktuelle Zustand, also die fehlende Vermittlung von Medienkompetenz an deutschen Schulen besonders für Kinder aus sozialschwächeren Familien folgenreich ist. Professor Kammerl erklärt mit Blick auf internationale Vergleichsstudien wie die ICILS: „Findet keine gezielte Förderung statt, sind computer- und informationsbezogenen Kompetenzen vom sozialen Milieu der Herkunftsfamilie abhängig. Bei Kindern von Eltern mit niedriger Schulbildung finden zu Hause weniger Medienerziehung und Medienkompetenzförderung statt als bei Akademikerkindern. Ein Drittel der Achtklässler verfügt in Deutschland lediglich über rudimentäre computer- und informationsbezogene Kompetenzen. Dadurch wird nicht nur verhindert, dass diese Gruppe von den beruflichen und privaten Chancen des digitalen Wandels profitiert, sondern diese Gruppe ist stärker den Risiken im Netz ausgesetzt und z.B. stärker für Fake News und Hate Speech anfällig.“ Allein diese traurige Erkenntnis sollte zu einem Umdenken führen und schnellstmöglich zur Einführung eines Schulfachs Medienkompetenz führen.

Zentral ist darüber hinaus, dass auch das Verständnis und der Umgang mit politischen und gesellschaftlichen Themen und Herausforderungen in vielerlei Hinsicht eine entsprechende Kompetenz im Umgang mit Medien erfordert. Die anfangs genannten Beispiele zeigen diese Notwendigkeit exemplarisch und machen damit auf eine sehr grundsätzliche Herausforderung aufmerksam.

„Moderne Demokratien, in denen Meinungsbildung über Medien stattfindet, müssen darauf aufbauen können, dass ihre Bürgerinnen und Bürger – gerade in Krisenseiten - Medienberichte kritisch hinterfragen können, seriöse und unseriöse Quellen unterscheiden können und dass sie sich selbst verantwortungsbewusst in der Medienkommunikation zeigen“, erklärt Professor Kammerl. Diese Fähigkeiten sind in Deutschland – und das über alle Altersgrenzen hinweg – nicht ausreichend ausgeprägt. Das ist auch deswegen verhängnisvoll, weil die Entwicklung bzw. die Lücke zwischen vorhandener Kompetenz und die sich darstellende Komplexität immer größer wird. Die Menge an Informationsquellen wächst immer weiter, die Möglichkeiten in unterschiedlichen sozialen Netzwerken (unterbewusst) beeinflusst zu werden, wächst stetig. Und Deepfakes, also sehr realistisch wirkende Medieninhalte, die mit künstlicher Intelligenz entsprechend abgeändert oder verfälscht worden sind, bringen selbst Menschen mit ausgeprägter Medienkompetenz an ihre Grenzen.

Es muss also etwas passieren. Und zwar mehr als die immer wieder vorgetragene Lösung, diese Kompetenzen in einer Art Querschnittsaufgabe in den Lehrplänen zu verankern. Dieses Konzept ist nämlich gescheitert, erklärt Professor Krammerl: „Nach aktueller Studienlage hat das nicht dazu geführt, dass Schule einen nennenswerten Einfluss auf die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler nimmt. Das muss sich meiner Meinung nach dringend ändern.“ Ob man Medienkompetenz als Schulfach mit Informatik kombinieren sollte, ist eine andere Debatte. Das kommt sicherlich auch darauf an, wie viel Zeit dem Schulfach gegeben wird und über wie viele Schuljahre hinweg es unterrichtet werden soll.

Deutschland ist in Sachen Medienkompetenz international abgehängt. Die Konsequenzen sind gravierend – für das Arbeitsleben, für das gesellschaftliche Leben und letztlich auch für das Verständnis und die Stabilität der Demokratie. Jedes Zögern verschlimmert die Situation. Jedes Abwarten vereinfacht Desinformation und Manipulation. Deswegen muss die Politik jetzt reagieren – und das Schulfach Medienkompetenz in den nächsten Generationen fester Bestandteil des Lehrplans sein.

 

Simon Schütz wurde war bis 2020 als Politik-Journalist bei BILD und bei dem amerikanischen Sender National Public Radio (NPR) tätig. Durch Journalistenstipendiate (Arthur Burns Programm, RIAS Programm) war er außerdem als Journalist in New York City und Tulsa tätig. Für BILD war er 2016 als US-Korrespondent in Washington D.C. und berichtete über den Wahlkampf sowie die Wahl Trumps. Außerdem leitete er im Sommer 2019 als Chef vom Dienst die Nachtredaktion von BILD in Los Angeles. Aktuell arbeitet Herr Schütz als Leiter der Pressestelle des Verband der Automobilindustrie (VDA) e.V.