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Nicht nur was für Unis!

In Schwellen- und Entwicklungsländer bieten sich auch Chancen für Fachhochschulen 


von Prof. Dr. Carsten Wolff 


Internationale Kooperationen im Hochschulbereich gehen heute weit über den klassischen Auslandsaufenthalt für Studierende und die wissenschaftliche Forschungskooperation hinaus. Diese Themenfelder sind zwar weiterhin sehr wichtig, sowohl für die Ausbildung der Studierenden als auch für den wissenschaftlichen Diskurs; der Anspruch an die internationalen Aktivitäten der Hochschulen ist aber weitaus umfangreicher. 


Das umfassendere Verständnis der internationalen Kooperationsmöglichkeiten resultiert vor allem aus den vorhandenen Möglichkeiten und Kompetenzen der Hochschulen. Internationale Hochschulkooperation ist ein geeignetes Instrument, um Gutes zu erreichen, für Wirtschaft und Gesellschaft, in Deutschland, in der Europäischen Union und im globalen Kontext. Hochschulen werden als positiv konnotierte oder mindestens neutrale Spieler im internationalen Kontext wahrgenommen. Deutsche Hochschulen werden geschätzt und der offene, erkenntnisgelenkte sowie faktenbasierte Dialog gilt als Domäne der Wissenschaft. 


Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die internationalen Aktivitäten der Hochschulen an vielen Stellen als „guter Weg“ zu Zielen verstanden werden, die über den Wissenschaftsbereich hinausgehen. Dazu zählen beispielsweise die Formulierung einer Außenwissenschaftspolitik durch das Auswärtige Amt und den Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD), die Formulierung der Dienstaufgabe der Förderung der „regionalen, europäischen und internationalen Zusammenarbeit“ (Hochschulgesetz NRW) oder die Forderung nach einer „meaningful contribution to society“ (Erasmus+ Programm der EU). Hochschulen formulieren aus ihrer Sicht neben Forschung und Lehre eine „Dritte Mission/Third Mission“, die ihre Wirkung außerhalb des Wissenschaftsbetriebs beschreibt. 

Die Kooperation deutscher Hochschulen mit Partnern in Schwellen- und Entwicklungsländern ist stark aus der Dritten Mission motiviert. Im Unterschied zur Kooperation mit den entwickelten, z.T. in der Wissenschaft führenden Ländern der ersten Welt liegt der Fokus nicht primär auf den klassischen Feldern in Forschung und Lehre. 

Deutsche Studierende streben nur ausnahmsweise oder in besonderen Studienkontexten einen Aufenthalt in einem Entwicklungs- oder Schwellenland an. Studierende aus diesen Ländern streben überproportional oft keinen Semesteraufenthalt in Deutschland an, sondern einen Studienabschluss mit der Perspektive einer hochqualifizierten Berufstätigkeit z.B. in Europa oder in Deutschland. 



Forschungskooperationen sind oft auf Themenfelder fokussiert, die mit einem Forschungsgegenstand aus dem Entwicklungs- oder Schwellenland zu tun haben. Insofern ist die klassische Forschungs- und Lehrkooperation wichtig, aber oftmals deutlich enger fokussiert als mit anderen Ländern. Dabei bleibt allerdings der so ermöglichte Perspektivwechsel für Forschung und Lehre essenziell. 

Sehr viel stärker treten jedoch Themenfelder hinzu, die der Dritten Mission zuzuordnen sind, deutlich über den Wissenschaftskontext hinausgehen und z.B. klassisch der Außen-, Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik zuzuordnen wären. Nachhaltigkeitsthemen und gesellschaftspolitische Themen spielen zunehmend eine Rolle. Konsequenterweise speisen sich die Gelder des DAAD nicht nur aus dem Bildungs- und Forschungsetat (BMBF), sondern zu erheblichen Teilen aus dem Etat des Auswärtigen Amts und des Entwicklungshilfeministeriums – mit entsprechenden Zielvorgaben in den Förderprogrammen. Sowohl das Erasmus-Programm der EU als auch das DAAD-Förderprogramm sind weltweit sehr relevant, prägen die Kooperationen und setzen auch die Standards, z.B. durch die Einführung des Bologna-Systems in sehr vielen Entwicklungs- und Schwellenländern. Kritische Stimmen formulieren daher auch die Gefahr eines Wissenschaftskolonialismus. 


Für die Fachhochschule Dortmund bieten sich in der internationalen Kooperation mit Entwicklungs- und Schwellenländern Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten resultieren insbesondere aus dem spezifischen Kompetenzprofil einer Hochschule für angewandte Wissenschaften. Dazu zählt der Aufbau von praxisorientierten, berufsfeldorientierten Studiengängen, vor allem in den technischen und wirtschaftlichen Studienrichtungen. Hier setzen sowohl die EU mit dem Erasmus Programm „Capacity Building in Higher Education“ als auch der DAAD mit dem Programm „Transnationale Bildung“ an. 


Curricula von Studiengängen in Entwicklungs- und Schwellenländern weisen z.T. Verbesserungspotenziale auf, die aus der fehlenden Durchlässigkeit zwischen Hochschule und Wirtschaft resultieren. Traditionell wurden Curricula europäischer oder amerikanischer Hochschulen übernommen, die von den Lehrenden primär theoretisch und anhand z.T. älterer Literatur vermittelt werden. Laborausstattungen oder Plätze für Praktika fehlen. Notwendig ist eine Erneuerung der Inhalte und vor allem der Lehrformate, hin zu stärker projektorientierten und z.T. auch transdisziplinären Formaten. Ein Kopieren der Inhalte und Formate deutscher Hochschulen ist nicht sinnvoll, da die angestrebten Kompetenzprofile der Absolventinnen und Absolventen den lokalen Bedürfnissen angepasst sein müssen – und trotzdem gleichwertig zu globalen Standards. 


Im Erasmus+ Projekt „Applied Curricula in Technology for East Africa – ACTEA“ hat die Fachhochschule Dortmund mit Partnern aus Belgien und Griechenland und gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen aus Tansania, Uganda und Äthiopien die dortigen Curricula analysiert und Modernisierungen angeregt. Es wurden gemeinsam digitale Lehrmaterialien erarbeitet und Labore aufgebaut, zudem wurde der Dialog mit der regionalen Wirtschaft geführt Lokalisierung der Curricula meint dabei z.B., dass ostafrikanische Studierende sich stärker auf Wartung und Betrieb von technischen Produkten fokussieren, während europäische Studierende eher auf eine Tätigkeit in der Produktentwicklung vorbereitet werden. Zudem werden technische Lösungen in deutlich unterschiedlichen Kontexten eingesetzt. 


Neben diesen Erkenntnissen führen der Transfer von Kompetenzen und die Beratung der Hochschulen in Afrika für die europäischen Partner zum Aufbau von langfristigeren Kooperationen, die nun auch von einer inhaltlichen und qualitativen Harmonisierung der Curricula profitieren. Es können leichter Lehrende und Studierende ausgetauscht werden, die digitalen Werkzeuge erlauben die Zusammenarbeit auch ohne Reisen. Leider hat der Bürgerkrieg in Tigray/Äthiopien dazu geführt, dass die Partnerhochschule in Mek‘ele faktisch von der Außenwelt abgeschnitten wurde. 


Im DAAD-Projekt „Virtual Master Cooperation on Data Science – ViMaCs“ hat die Fachhochschule Dortmund schon ab 2019 – also deutlich vor Ausbruch des Krieges – mit vier Universitäten aus der Ukraine am Aufbau eines Lehrangebots aus Masterkursen im Bereichen Datenverarbeitung und -analyse gearbeitet, das primär online in einer digitalen, virtualisierten Lehr- und Lernumgebung durchgeführt wird. Dazu wurden neben gemeinsamen digitalen Lehrmaterialien vor allem die technischen Infrastrukturen geschaffen. Lehrende und Mitarbeitende wurden umfassend weitergebildet. 


Mit dem Ausbruch des Krieges stand direkt eine funktionsfähige digitale Umgebung zur Verfügung, um von jedem Ort und zu jeder Zeit lehren und lernen zu können. Für die geflüchteten ukrainischen Lehrenden und Studierenden ist das sehr hilfreich. Durch die Partnerschaft initiiert konnte die Fachhochschule Dortmund auch viele geflüchtete ukrainische Lehrende und Studierende aufnehmen, die ihre Arbeiten in Sicherheit weiterführen können. Der tägliche Umgang mit der Kriegssituation, die teilweise Zerstörung und der Wiederaufbau der geschaffenen Infrastrukturen sowie insbesondere die vielfältigen persönlichen Beziehungen führen für alle Beteiligten zu intensiven und leider nicht nur positiven internationalen Erlebnissen. 


Die Dritte Mission der Hochschulen und die Ziele der Außenwissenschaftspolitik werden greifbar. Über DAAD und Erasmus erfolgen vielfältige und mit hohem Engagement umgesetzte Unterstützungsaktivitäten, so dass die Beteiligten aus Deutschland und der Ukraine aktiv Beiträge leisten können, statt hilflos der Situation gegenüberzustehen.


Internationale Kooperation ist dann ein sehr umfassendes, zwischenmenschliches Erlebnis. Die „meaningful contribution to society“ wird lebendig und unmittelbar fassbar. Insofern beinhaltet die internationale Kooperation mit Entwicklungs- und Schwellenländern auch die privilegierte Chance, etwas tun zu können und die Realitäten in der Welt aus erster Hand zu erleben. Bildung wird damit ganzheitlich und konkret. 

Im September 2019 ist die Kasachstan die Astana IT University (AITU) gegründet worden, eine reine Informatikhochschule. Sie ist im Gebäudekomplex der Expo 2017 in Astana angesiedelt mit dem Ziel, die digitale Transformation in Kasachstan zu unterstützen. Die AITU fokussiert sich auf anwendungsorientierte und berufsfeldorientierte Bachelor- und Masterprogramme, die den Standards des Bologna-Systems entsprechen und auf Englisch unterrichtet werden. 


Für die Fachhochschule Dortmund mit ihrem Digitalisierungsschwerpunkt und dem größten Informatikfachbereich an deutschen Fachhochschulen liegt die Begleitung dieses Hochschulaufbaus und die Etablierung einer Partnerschaft nahe. Ein wichtiger Anknüpfungspunkt ist die Digitalisierung der Hochschule, d.h. die Schaffung einer digitalen Lehr- und Lerninfrastruktur, mit den entsprechenden Lehrmaterialien und Lehrformaten. Dieses Setzen auf eine moderne, digital unterstützte Umgebung hat der AITU im März 2020 mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie den kompletten Umstieg auf den Online-Unterricht ermöglicht, womöglich schneller und problemloser als für die meisten deutschen Hochschulen. 


Kasachstan ist als Schwellenland mit umfangreichen Bodenschätzen gut für eine digitale Transformation in Bildung, Wirtschaft und Gesellschaft positioniert. Die Berufsaussichten für IT-Fachkräfte sind sehr gut. Das Hochschulsystem stammt aus dem sowjetischen Wissenschaftssystem und befindet sich in einer Transformation, um anschlussfähig an den internationalen Wissenschaftsbetrieb zu werden. Mittlerweile hat die AITU fast viertausend Studierende, der erste Jahrgang hat das Studium erfolgreich absolviert, Studierende wechseln in den Master, auch nach Dortmund. Aktuell strebt die AITU eine deutsche Akkreditierung an, um ihren international vergleichbaren Standard zu dokumentieren. Hier erfolgt also internationale Hochschulkooperation zunächst einmal mit dem Fokus auf Beratung und Kompetenztransfer, mit dem Ziel, langfristige strategische Hochschulkooperationen aufzubauen. 


Mit den drei vorgestellten internationalen Kooperationen der Fachhochschule Dortmund wird exem-plarisch sichtbar, wie vielfältig die Kooperation mit Entwicklungs- und Schwellenländern ist und wie weit sie über den klassischen wissenschaftlichen Austausch in Forschung und Lehre hinausgeht. Für die Politik ist es wichtig, diese Potenziale zu erkennen und den Einsatz der Hochschulen in diesem Themenfeld auch einzufordern – vor allem vor dem Hintergrund, dass mit DAAD und Erasmus eine sehr kompetente und leistungsfähige Unterstützung vorhanden ist.



 



Carsten Wolff, Jahrgang 1971, ist seit 2007 Professor für Technische Informatik an der Fachhochschule Dortmund. Nach dem Studium der Elektrotechnik an der Universität Paderborn und der Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität Hagen promovierte er am Heinz-Nixdorf-Institut der Universität Paderborn zur Simulation großer neuronaler Netze. In seiner industriellen Laufbahn war Carsten Wolff in der Halbleiterindustrie (Infineon AG) in Deutschland, der VR China und Taiwan tätig. Von 2011-2015 war er Prorektor für Studium, Lehre und internationale Beziehungen. Von 2019-2021 war er Provost und Prorektor der neu gegründeten Astana IT University (AITU) in Kasachstan.

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