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RENTE AB 70 - CONTRA

von Celine Eberhardt


In Deutschland steigt das Alter für den Beginn der Rente schrittweise von 65 auf 67 Jahren. Für diejenigen, die nach 1964 geboren wurden, gilt künftig eine Regelaltersgrenze von 67 Jahren. Direkt nach diesem Beschluss entbrannte eine Diskussion über die Erhöhung auf eine Regelaltersgrenze von 70 Jahren.


Die Lebenserwartung der Menschen steigt. Doch gleichzeitig verbessern sich damit nicht automatisch die körperlichen und psychischen Voraussetzungen für ein längeres Arbeitsleben. Menschen, die ihr Leben lang körperlich hart gearbeitet haben, können häufig nicht bis 65 oder 67 Jahren weiterarbeiten. Die Lebenserwartung kann als Indikator nicht ausreichen. Die beschwerdefreie Lebenserwartung von Menschen liegt derzeit bei 56 Jahren. Damit arbeiten bereits jetzt viele ältere Menschen 11 Jahre mit psychischen und physischen Beschwerden, um nicht von Arbeitslosigkeit und Altersarmut betroffen zu sein. Das aktuelle Renteneintrittsalter von 67 Jahren ist für die Mehrheit der Bürger nicht erreichbar. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) gehen nach einer Umfrage des Berliner Kantar Instituts davon aus, dass sie ihre Beschäftigung nicht bis zu ihrem 67. Lebensjahr ausüben können. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen häufig in der psychischen und physischen Belastung bei der Arbeit. Die gesundheitlichen Einschränkungen nehmen ab 60 Jahren zu. Diesen Menschen muten wir weitere sieben Jahre Arbeit zu. Eine noch weitere Ausweitung auf 70 Jahre würde für viele Menschen höhere Abschläge und eine geringe Rente bedeuten.


Darüber hinaus kommt es laut IAB-Prognosen vor allem im Bereich qualifizierter Fachkräfte zu einem Arbeitskräftemangel. Daher wird bei Geringqualifizierten mit einer Erhöhung der Unterbeschäftigung gerechnet. Bei anhaltender Rationalisierung und Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland dürften vor allem weniger ausgebildete, ältere Menschen vor Erreichen des Rentenalters ihren Arbeitsplatz verlieren. Außerdem belasten spätere Übergänge in die Rente zusätzlich den Arbeitsmarkt. Zum einen erhöht sich die Arbeitslosigkeit von Älteren, zum anderen wirkt sich die verlängerte Erwerbsdauer negativ auf die Beschäftigungschancen von Jüngeren aus. In dem Fall würde die Entlastung der Rentenversicherung eine Belastung des Arbeitsmarkts und der Arbeitslosenversicherung bedeuten.


Keine Altersgruppe ist jedoch so stark von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen wie Menschen ab 55 Jahren. Die Chancen auf eine Rückkehr in reguläre Beschäftigungen sind viel schlechter als bei jüngeren Bewerbern. In dem Fall würde zusätzlich zum Arbeitsmarkt und zur Arbeitslosenversicherung noch die Sozialversicherungssysteme wie Arbeitslosengeld II belastet werden. Rücklagen und Vermögen oberhalb der Freigrenzen müssen bei Bezug von Arbeitslosengeld II aufgelöst werden, sodass die private Absicherung im Alter für viele schwindet. Das kann und darf nicht unser Ziel sein.


In den letzten Jahren bis zur Regelaltersrente werden nach dem Arbeitslosengeldbezug keine Rentenbeiträge gezahlt, was wiederum die Höhe der Rente und das Risiko für Altersarmut beeinflusst. Außerdem müssen Arbeitslosengeld II-Empfänger zum frühestmöglichen Zeitpunkt Altersrente beantragen und müssen damit Abschläge in Kauf nehmen. Daraus ergeben sich bei einer erneuten Erhöhung zusätzliche Rentenkürzungen, die das Risiko für Altersarmut für viele Menschen weiter erhöhen.

Ein weiteres Argument gegen die Erhöhung des Renteneintrittsalters ist die soziale Generationengerechtigkeit. Jüngere Generationen würden mit einer erneuten Erhöhung länger einzahlen, um dann kürzere Rente zu bekommen. Unser Rentensystem beruht auf einem sogenannten Generationenvertrag. Das bedeutet: Das Umlageverfahren funktioniert nur, wenn es genug Beitragszahler gibt, welche die Rente finanzieren. Laut OECD kommen in Deutschland 100 Beitragszahler auf 37 Rentner. Die Zahl der Rentner wird sich in den kommenden Jahren weiter erhöhen. Dadurch wird bei einer alternden Gesellschaft das Problem der Rentenfinanzierung nicht mit einer weiteren Erhöhung des Renteneintrittsalters gelöst. Wir werden dann zukünftig über 72, 75 und 77 Jahre als Renteneintrittsalter diskutieren und die Belastung von jüngeren Menschen immer weiter erhöhen.

Aus rein wirtschaftlicher Sicht ist das aktuelle Rentensystem nicht finanzierbar. Mit der Forderung nach einer Rentenaltersgrenze von 70 Jahren entlastet man die Rentenkassen, die bereits jetzt vor einem Kollaps stehen. Aktuell bezuschusst der Bund jährlich rund 100 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt in die Rentenkasse. Die Lösung kann jedoch im Hinblick auf die Herausforderungen des demografischen Wandels und der Veränderungen des Arbeitsmarkts nicht die ständige Erhöhung der Rentenaltersgrenze sein. Ein Anstieg der Rentenbeiträge oder ein Absenken des Rentenniveaus sind ebenfalls keine Lösung. Im europäischen Vergleich ist Deutschland bereits jetzt an der Spitze der Sozialabgaben für Bürger. Wir kommen gerade aus der Zeit der Corona-Pandemie, die von steigender Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit geprägt ist und kommen in eine Zeit, die von Inflation und steigenden Energiekosten geprägt ist. Höhere Rentenbeiträge führen zu einer weiteren Mehrbelastung und das Absenken des Rentenniveaus zu einem erhöhten Altersarmutsrisiko. Stattdessen braucht es eine Modernisierung des Altersvorsorgesystems und der Finanzierungsgrundlage. Ich stehe hinter der Einführung einer gesetzlichen Aktienrente nach schwedischem Modell, um eine langfristige, chancenorientierte und kapitalgedeckte Altersvorsorge zu schaffen, die vor Altersarmut schützt, sich den Lebensrealitäten der Menschen flexibel anpasst und ein menschenwürdiges Leben im Alter ermöglicht.

 

Celine Eberhardt ist 24 Jahre alt und hat Arbeitsmarktmanagement an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Schwerin studiert. Seit über einem Jahr arbeitet sie als Integrationsfachkraft im Jobcenter Leipzig. Daneben ist sie Pressesprecherin der FDP Bremen sowie der Jungen Liberalen Bremen und ist in verschiedenen Arbeitskreisen der beiden Organisationen auf Landes- sowie Bundesebene vertreten. Celine Eberhardt brennt für die politischen Themen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sowie Bildungs- und Kulturpolitik.

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