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RENTE AB 70 - PRO

von Alexander Kobuss


Die Rente ist unsicher – wir brauchen die Anhebung des Eintrittsalters.

„Die Rente ist sicher“. So formulierte es der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm. Die Wahrheit sah damals eigentlich schon anders aus und auch nach den Reformen der Riester-Rente um die Jahrtausendwende hat sich die Situation nicht wesentlich gebessert. Der Kern des Problems, nämlich der Umstand, dass die Rente nach wie vor umlagefinanziert von der arbeitenden Bevölkerung gestemmt werden muss, hat sich nicht verändert. Die schicksalshafte Entscheidung, die Konrad Adenauer Mitte der 1950er Jahre gegen den Protest des damaligen Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard durchdrückte, dass die Jungen für die Alten zahlen sollten (denn laut Adenauer würden die Menschen bestimmt in Zukunft immer weiter Kinder kriegen), zementierte die Struktur der Rente seit Gründung der Bundesrepublik. Sicherlich gibt es aus liberaler Sicht deutlich wünschenswertere Lösungen. Jedoch soll es hier vor allem um eine wichtige Stellschraube gehen – das Renteneintrittsalter.


Die wirtschaftliche Situation ist ernst


Wir stehen vor einer Rezession. Nach dem Ende des kalten Krieges hat sich die wirtschaftliche Lage, mit ein paar Unterbrechungen, für die meisten Menschen auf diesem Planeten stetig gebessert. Deutschland ist da keine Ausnahme. Im Gegenteil, denn im Zuge der Hartz-Reformen haben wir über ein Jahrzehnt solide Wachstumsraten einer robusten deutschen Volkswirtschaft gesehen. Diese Zeit ist vorbei. Mit dem September 2022 haben wir die Inflationsmarke von 10% überschritten. Wer also 1.000€ im September 2021 gespart hatte, hatte in diesem Jahr effektiv nur noch 900€. Diese Form der Geldentwertung haben wir seit der Gründung der Bundesrepublik nicht mehr gesehen.

Und die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt befeuert diese Entwicklung der Stagflation (niedriges Wachstum und hohe Inflation). Denn der Fachkräftemangel ist nun zu einem handfesten Arbeitskräftemangel geworden und das dämpft das wirtschaftliche Wachstum. Gleichzeitig steigen die Löhne, weil der Faktor Arbeit knapp ist. Die daraus resultierende Lohn-Preis-Spirale entfacht wiederrum Inflation. Die fetten Jahre sind vorbei – wir müssen uns mittelfristig darauf einstellen, dass die Menschen in diesem Land ärmer und nicht reicher werden. Der Arbeitsmarkt steht in diesem Zuge vor einer weiteren Herausforderung: die Tatsache, dass die geburtenstärksten Jahrgänge (Baby Boomer) in den kommenden Jahren in Rente gehen.

Lebenserwartung und Ausbildungszeit verlängern sich

Mit Ausnahme der Pandemie ist die durchschnittliche Lebenserwartung hierzulande und in den meisten westlichen Industrieländern kontinuierlich gestiegen. Im gleichen Zuge verlängern sich die Zeiten der Ausbildung für junge Menschen, bis sie in den Arbeitsmarkt starten. In diesem Zusammenhang erscheint es nur schlüssig, dass wir auch länger arbeiten werden. In einer modernen Arbeitswelt ist es unüblich 40 Jahre im selben Unternehmen zu arbeiten. Die komplexen modernen Lebensläufe brauchen auch ein Umdenken in der Art und Weise, wie wir den Ruhestand betrachten.


Eine grundlegende Rentenreform wäre zwar notwendig, aber ist in den gegenwärtigen politischen Realitäten noch nicht realistisch. Zum einen bestehen die rechtlichen Hürden, dass die Rentenzusagen und die Pensionsansprüche auch finanziert werden müssen – aktuell auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung durch steigende Sozialversicherungsbeiträge. Zum anderen gibt es im politischen System kaum eine Partei, die die demographisch stärkste Wählerschicht so verprellen will, dass man Rentenkürzungen in Aussicht stellt. Vor dem Hintergrund des Arbeitskräftemangels sind drei weitere Jahre an Erwerbstätigkeit, also die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre, unabdingbar, um den Wohlstand unseres Landes zu sichern. Hier geht es nicht um ein paar extra Prozente Wachstum, sondern es geht darum, dass die deutsche Volkswirtschaft und der Staatshaushalt der Bundesrepublik in Zukunft überhaupt etwas anderes produktives schaffen können, außer die Finanzierung der steigenden Rentenansprüche. Auch wenn es nach wie vor körperlich intensive Arbeiten gibt, die einer gesonderten Betrachtung bedürfen, so gehört es auch zur Wahrheit, dass in unserer Dienstleistungsgesellschaft viele Berufe körperlich weniger anspruchsvoll geworden sind und daher auch noch im höheren Alter ausgeübt werden können.


Liberale Lösungen über die Rente ab 70 hinaus


Selbstverständlich ist die Erhöhung des Renteneintrittsalters nicht der Weisheit letzter Schluss. Das Rentensystem ist langfristig nicht finanzierbar. Bei dem voranschreitenden demographischen Wandel wird, neben der Bedeutung von Fachkräftemigration, sich mittelfristig die Frage stellen, ob die Umlagefinanzierung überhaupt noch zu stemmen ist. Hier müssen Möglichkeiten privater Altersvorsorge unbedingt einen Teil der Lösung ausmachen und dafür braucht es passende politische Rahmenbedingungen. Gleichzeitig muss die Systemfrage für die Rente gestellt werden.


Aus liberaler Sicht wäre der Einstieg in eine staatlich verwaltete, kapitaldeckte Aktienrente denkbar, um somit die Last der ständig steigenden Sozialversicherungsbeiträge abzumildern und ein höheres Maß an individueller Verantwortung für eigene Altersvorsorge zu ermöglichen. Denn wenn sich die Rentner darüber echauffieren, dass die Generation Z keine Lust hat zu arbeiten, dann ist es vielleicht wertvoll auf die politischen Rahmenbedingungen zu schauen. Wer sich von einem Vollzeitjob kein Eigenheim mehr nach harter Arbeit leisten kann und ohnehin über die Hälfte des Einkommens – und zunehmend mehr in Richtung Rentenversicherung – abdrücken muss, der stellt sich vielleicht tatsächlich irgendwann die Frage, warum man eigentlich noch arbeiten geht. Die Ausgangssituation ist bedenklich, aber für die Liberalen muss das als Chance verstanden werden, um die Antworten für den Arbeitsmarkt der Zukunft zu finden.


Die Rente ist nicht sicher. Das Einzige, was sicher ist, ist dass wir in diesem Rentensystem perspektivisch alle länger arbeiten müssen.


 

Alexander Kobuss (24) promoviert zur Geschichte der sozialen Marktwirtschaft. Er ist der Bundesarbeitskreisleiter für Wirtschaft/Finanzen der Jungen Liberalen und ehemaliger Landesvorsitzender der LHG NRW.

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