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Mehr Lebenschancen wagen!

von Benjamin Kurtz



Wie soll die Zukunft aussehen? Wie wollen wir die Welt von morgen gestalten? Wie wollen wir den Herausforderungen der Zukunft begegnen? Wie wollen wir auf dem Weg dorthin die Probleme von heute lösen?


Um diese Fragen der Zukunft zu beantworten, möchte ich ganz kurz den Blick zurückwerfen, auf die Vergangenheit, auf die Herausforderungen, denen sich die Menschheit bereits gestellt hat. Meistens ging der Weg zur Überwindung vergangener Probleme über Bildung und Innovation – als Ökonom würde ich von „Humankapital“ sprechen. Ob bei der Bekämpfung von ansteckenden Krankheiten, die Jahrtausende die Geißel der Menschheit waren, bei der Haltbarmachung von verderblichen Lebensmitteln oder bei der Steigerung der Erntemenge – immer waren es Bildung, Wissenschaft und Innovation, die der Menschheit bei der Überwindung ihrer Probleme geholfen haben.


Voraussetzungen für wissenschaftlich getriebenen Fortschritt


Klimawandel, globale Pandemien und demographischer Wandel – auch bei den Herausforderungen von heute werden uns Wissenschaft, Bildung und Innovation helfen, diese Probleme zu überwinden auf dem Weg in eine lebenswerte Zukunft.

Wissenschaftliche Fortschritte benötigen Talent, intellektuelles Potential und Neugier. Das allein reicht allerdings noch lange nicht, wir brauchen auch exzellente Schulen und Hochschulen, die dem Nachwuchs von heute die Bildung und wissenschaftlichen Fertigkeiten für die Welt von morgen mitgeben. Ich könnte an dieser Stelle viel darüber schreiben, wie wir als liberale Studentinnen und Studenten uns exzellente Hochschulen in der Welt von morgen vorstellen, wie Hochschulen Digitalisierung erlernen müssen, ohne den Wert persönlichen Austauschs zu verlernen, und dass Forschungsfreiheit als wichtige Voraussetzung für wissenschaftlichen Fortschritt dienen kann.

Das werde ich nicht tun. Stattdessen nehmen wir mal an, wir hätten in der Welt der Zukunft erstklassige Bildungs- und Forschungseinrichtungen geschaffen. Doch selbst diese Utopie ist ungenügend für wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt. Talente, intellektuelles Potential und wissenschaftliche Neugier sind in der gesamten Bevölkerung verteilt. Es ist allerdings seit Jahren bekannt, dass in Deutschland wie in wenigen anderen OECD-Staaten der Bildungserfolg von Bildungsstand und Vermögen der Eltern abhängig ist. Was gesamtgesellschaftlich eine Verschwendung von innovativem Potential und Humankapital ist, ist auf individueller Ebene eine Katastrophe: Viele junge Menschen in diesem Land können ihre Potentiale nicht entfalten und haben kaum realistische Chancen auf eine wissenschaftliche Ausbildung.

Zukunftsfestes BAföG als Chancen- und Türöffner


Vor über 50 Jahren wurde das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) ins Leben gerufen, um jungen Menschen diese Lebenschancen zu bieten. Seitdem sind wir in einer ganz anderen Welt gelandet und das BAföG bietet immer weniger Menschen diese Chancen. Für die Welt von morgen brauchen wir ein zukunftsfestes BAföG, das allen jungen Menschen in dieser Gesellschaft die Möglichkeit bietet, ihre Lebenschancen auszuschöpfen.


Dieses Zukunfts-BAföG und Chancen-BAföG baut auf drei fundamentalen Säulen auf: Es ist elternunabhängig, flexibel und altersunabhängig. Damit ist es ein BAföG für jede Person, die die eigenen Bildungschancen in die Hand nehmen und einen Abschluss anstreben möchte.

Elternunabhängiges BAföG:

Die Gewährung und Auszahlung des BAföG sind unabhängig vom Einkommen der Eltern. Das führt dazu, dass Eltern nicht mehr den Hebel der Finanzierung benutzen können, um auf die Studienentscheidungen ihrer Kinder Einfluss zu nehmen, sodass diese freier darin sind, ihren Begabungen und Neigungen nachzugehen, anstatt den Berufstraum ihrer Eltern zu erfüllen. Es reduziert familiäre Konflikte und psychische Belastung, wenn der finanzielle Druck, schnell das Studium abzuschließen und nicht mehr den Eltern „auf der Tasche zu liegen“, von den Schultern der Studierenden genommen wird. Und vor allem bewahrt es Studierenden vor langen Wartezeiten oder gar bösen Rückzahlungsüberraschungen, wenn die elterlichen Dokumente nicht sofort vorliegen.


Flexibles BAföG:

Die Bezugsdauer des BAföG endet nicht mehr mit der Regelstudienzeit, sondern orientiert sich an einem Zeitraum, der zwei Semester oberhalb der Regelstudienzeit liegt. Die der Regelstudienzeit zugrundeliegenden Prüfungsordnungen sind nicht immer auf das universitäre Leben angepasst und erfassen deswegen nicht die Verzögerungen des Studiums aufgrund mangelnder Organisation der Lehrveranstaltungen. Das BAföG soll sich auf diese Unwägbarkeiten der Hochschulorganisation ebenso flexibel einstellen können, wie sich Studierende flexibel an die Änderungen von Hochschulseite anpassen müssen. Auch sollen Studierende, die sich für das „falsche“ Studium entschieden haben, nicht vor die Wahl gestellt sein müssen, ob sie einen Studiengang studieren, der ihren Begabungen und Neigungen entgegenkommt, oder ob sie sich ihr Studium weiterhin finanziell leisten können.

Altersunabhängiges BAföG:

Mit der liberalen BAföG-Änderung 2022 wurde bereits die Altersgrenze für den Bezug von Leistungen nach dem BAföG erhöht, jedoch muss diese für das BAföG der Zukunft ganz wegfallen. In einer Gesellschaft, die immer älter wird, reicht eine Ausbildung nicht notwendigerweise für den gesamten Lebensweg. Aus diesem Grund müssen Menschen in allen Lebenslagen und in allen Lebensaltern die Chance bekommen, umzusatteln und mit einem Studium im fortgeschrittenen Alter eine neue Richtung in ihrem Leben einschlagen zu können, ohne sich über die Finanzierung ihres Studiums Sorgen machen zu müssen.


Damit Lebenschancen wahr werden und jede junge oder auch nicht mehr junge Person die eigene Zukunft vollkommen in die Hand nehmen kann, brauchen wir ein Chancen-BAföG, das elternunabhängig, flexibel und altersunabhängig ist.

 

Benjamin Kurtz, Jahrgang 1999, ist Vorsitzender des Bundesverbands Liberaler Hochschulgruppen und seit 2021 Mitglied im Verband Liberaler Akademiker. Er studiert in Göttingen im Master Development Economics und freut sich auf Leserpost unter kurtz@bundes-lhg.de

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