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STREITERIN FÜR FRAUENRECHTE, SOLIDE FINANZEN UND INTEGRATION

Ein Porträt über Liselotte Funcke.



W

enn über eine Politikerin wie Liselotte Funcke etwas zu schreiben ist, dann geht das selbstverständlich nicht, ohne ein Wort über die generelle Rolle von Frauen in der Politik zu verlieren. Sie habe gespürt, schrieb die fast 90-Jährige in ihren Erinnerungen, „wie der Eintritt von Frauen in die traditionell männlich beherrschten Bereiche die Männer verunsicherte“. Liselotte Funcke hat trotz dieser bewusst wahrgenommenen Problemlage ihren Schritt in die Politik mutig und konsequent vollzogen und war dabei überdies sehr erfolgreich.

Beim Blick in ihre Biographie lässt sich feststellen, dass ihr manche Prägung in die Wiege gelegt war und sich manches Talent von früher Jugend an zeigte und fortentwickeln konnte. Als viertes von fünf Kindern eines Hagener Fabrikanten kam sie 1918 zur Welt. Die ersten Lebensjahre in der krisengeschüttelten Weimarer Republik mit Revolution, Krieg, Inflation und Ruhrbesetzung erlebte sie als turbulent und dennoch auch glücklich. Der große Garten, sportliche Betätigung und Kunstinteresse prägten ihre Kinderjahre. Der Nationalsozialismus beeindruckte sie zwar, aber insbesondere die Haltung der Eltern führte auch bei ihr zu zunehmender Skepsis. 1937 machte Sie ihr Abitur und wechselte zum Studium an die Wirtschaftshochschule nach Berlin in „die große Welt“. Trotz gewisser Vorbehalte trat sie im September 1938 in die NSDAP ein. 1941 legte sie ihr Diplom als „Kaufmann“ ab. Ihr Interesse für Politik, Wirtschaft und Finanzen war früh spürbar. Der Bezug zur praktischen Arbeit und zur finanziellen Selbstständigkeit blieb wichtig für sie.

So arbeitete sie in einer Radiofabrik, bei den Bayerischen Motorenwerken (BMW) in München und zeitweise auch als Straßenbahnschaffnerin. Während ihrer ersten beruflichen Anstellung bei einem Wirtschaftsprüfer in Wuppertal erfuhr sie früh, dass man Frauen einen solchen Beruf damals einfach nicht zutraute. Das Kriegsende mit den Bombardements von Wuppertal und Hagen erlebte sie hautnah; ihr Elternhaus wurde im März 1945 zerstört; im April zogen amerikanische Besatzungstruppen in Hagen ein. Es folgten Monate des Bangens um die an der Front verbliebenen Angehörigen und vor Ort eine „Orgie von Raub und Gewalt“ durch die entlassenen und zum Teil Plünderungen verübenden Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter.

Funcke arbeitete seit Ende 1944 als Abteilungsleiterin im Familienunternehmen Funcke & Hueck. Das liberale politische Engagement des Vaters hatte sie als Jugendliche wahrgenommen; 1946 trat sie mit ihm gemeinsam in die FDP in Hagen ein. Vor Ort war Willi Weyer die prägende Figur der Liberalen – als Landesvorsitzender und Landespolitiker sollte er sie landespolitisch lebenslang begleiten. Sie selbst wurde schon Ende der 1940er Jahre in den NRW-Landesvorstand gewählt, dem sie bis 1981 angehörte. 1950 zog sie als eine von wenigen Frauen und von dem eigentlich hoffnungslosen Listenplatz 23 aus überraschend in den nordrhein-westfälischen Landtag ein. Hier brachte sie sich in die leidenschaftliche Debatte um die Gemeinschaftsschule ein. Aber auch der Lehrermangel, die Schulraumnot und die Koedukation waren Anliegen, die sie mit Engagement verfolgte. 1956 unterstützte sie den von den sogenannten „Jungtürken“ Walter Scheel, Weyer und Wolfgang Döring vorangetriebenen Koalitionswechsel zur SPD.

Fünf Jahre später, 1961, kandidierte Liselotte Funcke bei den Bundestagswahlen und zog in den Deutschen Bundestag ein. Hier bewährte sich ihre berufliche Erfahrung als Wirtschaftsprüferin, indem sie Mitglied im Finanzausschuss wurde, dem sie 18 Jahre lang angehörte und davon sieben den Vorsitz führte. Wichtige Steuergesetze wie diejenigen über Mehrwert-, Einkommens-, Gewerbe- oder Erbschaftssteuer wurden unter ihrer professionellen Leitung beraten und beschlossen. Als persönlicher Referent stand ihr in den 1970er Jahren der spätere FDP-Bundesschatzmeister Hermann-Otto Solms zur Seite.

Das Jahr 1969 war in der Geschichte der Bundesrepublik eine Zäsur und auch für Liselotte Funcke ein wichtiger Einschnitt. Mit der Wahl von Walter Scheel zum Außenminister und Vizekanzler löste sie ihn an seinem Posten als Vizepräsident(in) des Deutschen Bundestages ab. Sie behielt diesen Posten für ein Jahrzehnt und arbeitete fünf Jahre lang eng mit der ersten weiblichen Bundestagspräsidentin Annemarie Renger von der SPD zusammen.

Nicht nur politisch bedeutete 1969 einen Wechsel, auch beruflich. Denn die Firma Funcke & Hueck wurde an einen Konkurrenten verkauft, sodass Liselotte Funcke ihre Position als Prokuristin einbüßte. Nun erst – fast zwanzig Jahre nach ihrem Beginn als Landtagsabgeordnete – wurde Politik zu ihrem Haupt- und Brotberuf.

Nicht nur im Bundestag, sondern auch in der Partei strebte Funcke nach oben. Seit 1968 saß sie neben Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher und Wolfgang Mischnick im Bundespräsidium der FDP, dem sie bis 1982, zuletzt sieben Jahre als stellvertretende Bundesvorsitzende, angehörte.

Neben der Politik muss das gesellschaftliche Tätigkeitsfeld von Funcke in der evangelischen Kirche noch erwähnt werden. Christlich erzogen, spielte kirchliches Engagement für sie lebenslang eine Rolle. Seit 1953 saß sie im politischen Ausschuss der Evangelischen Landeskirche von Westfalen, seit 1971 war sie Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Zu den wichtigsten Fragen im kirchlich-ethischen Bereich gehörte die Reform des §218 des Strafgesetzbuches, bei der sich Funcke für die sogenannte Fristenregelung einsetzte. 1974 wirkte sie beim Kirchenpapier der FDP „Freie Kirche im freien Staat“ mit, das eine deutlichere Trennung zwischen Kirche und Staat vorsah.

Schließlich ist Funckes Engagement in Fragen der Gleichberechtigung der Geschlechter, der sogenannten „Frauenpolitik“ zu erwähnen. Sie wurde zu einer Zeit Abgeordnete im Deutschen Bundestag, in der weniger als 10 % der Abgeordneten weiblich waren. Auch an sogenannten Frauenthemen wie Soziales und Familie mangelte es nicht, für die man weibliche Abgeordnete für prädestiniert hielt. Doch Finanzfragen, die Funcke interessierten, zählten eigentlich nicht dazu. Ihre deutliche Kritik, dass im Bundesverfassungsgericht sieben Männer und nur eine Frau über die Reform des § 218 entschieden, löste ein großes Presseecho aus. Aber es ging auch um Fragen, die heute nur noch Verwunderung auslösen: Das Tragen eines Hosenanzugs im Bundestag oder die Anrede „Frau“ statt „Fräulein“ für unverheiratete Frauen. Gleichstellung war für Funcke auch immer ein Thema der gesellschaftlichen Gerechtigkeit.

1979 schied Funcke als Abgeordnete aus dem Deutschen Bundestag aus, denn sie wurde von ihrem Landesverband in Nordrhein-Westfalen gewissermaßen angefordert. Weil sich die Umfrageergebnisse mit 3-4 % für die FDP im Keller befanden, die Fraktion zerstritten und der Landesvorsitzende und Wirtschaftsminister Horst-Ludwig Riemer gesundheitlich angeschlagen war, wurde Funcke vom Bundesparteivorsitzenden Hans-Dietrich Genscher gebeten, den Ministerposten in Düsseldorf zu übernehmen. Mit gerade einmal 7 ½ Monaten von Mitte November 1979 bis Anfang Juni 1980 blieb es für Funcke allerdings ein relativ kurzes Gastspiel als Ministerin für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr, weil die FDP 1980 den erneuten Einzug in den Landtag verpasste.

Mit Fragen der gesellschaftlichen Gerechtigkeit hängt auch Liselotte Funckes Engagement in ihrem letzten wichtigen politischen Amt zusammen. Von 1981 bis 1991 arbeitete sie als erste Beauftragte der Bundesregierung für die Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familienangehörigen. Für ihren unermüdlichen Einsatz erhielt sie später den Ehrennamen einer „Mutter der Türken“ verliehen. Doch die Resonanz ihrer vielfältigen Aktivitäten war für sie eine herbe Enttäuschung. In ihren Erinnerungen schrieb sie, dass Bundeskanzler Helmut Kohl keines ihrer 16 Schreiben an ihn beantwortet und auch nicht für ein Gespräch zur Verfügung gestanden habe. Dabei waren auch damals – lange vor der sogenannten Flüchtlingskrise – die Probleme der Migration und Integration bekannt und wurden von Funcke klar benannt. Mit einem öffentlichen Kündigungsschreiben erregte sie zumindest das Interesse der Medien.

Auch in den rund zwei Jahrzehnten des politischen Ruhestands nach 1991 blieb Funcke umtriebig, kümmerte sich um die Geschichte ihrer Heimatregion und weiterhin auch um kirchliche Belange und Gleichstellungsfragen. Mit ihrem großen und mutigen politischen und sozialen Engagement hat sich Liselotte Funcke, die 2012 im Alter von 94 Jahren starb, über die Parteigrenzen hinaus Achtung und Anerkennung erworben.

 

Ewald Grothe ist Historiker und Hochschullehrer. Seit 2009 ist er außerplanmäßiger Professor an der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2011 leitet er das Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Gummersbach.

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