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STUDIEREN IN DER ENERGIEKRISE

von Benjamin Kurtz


"Soll ich wirklich die Heizung anschalten? So kalt ist es doch gar nicht...“ – das werden sich einige Studierende denken, wenn es im Winter noch kälter und die Energie noch teurer wird.


Seit Putins völkerrechtswidrigem Angriffskrieg gegen das ukrainische Volk ist ungewiss, ob Europas Energieversorgung gesichert ist. Als Konsequenz dieser Energiekrise steigen die Preise für Wärme und Strom in Deutschland durch die Decke. Während die Regierung versucht, den Energiepreisen mit Gas- und Strompreisbremse Herr zu werden, müssen Studierende schauen, wie nach dem Preisanstieg bei Nahrung noch genug Geld übrigbleibt, um im Winter heizen zu können.


Situation der Studierenden


In Gesprächen mit Studierenden kommen in den letzten Wochen immer wieder die gleichen Themen auf. Eine Bekannte berichtete mir davon, wie ihre Wohngemeinschaft beschlossen hat, dass künftig Bad und Küche nicht mehr beheizt werden, um Energie zu sparen und sich vor Preisanstiegen zu schützen. Ein Kommilitone wird diesen Winter nur noch kalt duschen, um warmes Wasser zu sparen. „Das ist doch sowieso gesünder“, meint er. Die Energiespartipps von Winfried Kretschmann gehen noch einen Schritt weiter und raten ganz vom Duschen ab. „Der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung“, äußert er sich zum Energiesparen, nachdem er sich erst kürzlich durch seine Expertise zur mentalen Gesundheit Studierender „hervorgetan“ hat – anderen gehe es noch schlechter, Studierende sollen sich nicht so anstellen.

Natürlich: wenn ich daheim meine Vorlesung nachbearbeite, Übungsblätter löse oder Hausarbeiten schreibe, dann kann ich mir auch einen Pullover oder eine Jacke überziehen, anstatt die Heizung aufzudrehen. Studierende können sich dazu entscheiden, künftig nur noch einzelne Räume der WG zu beheizen. Dass diese Schritte gegangen werden müssen, zeigt deutlich genug das Ausmaß des Problems, das wir haben: Energie und Wärme werden für Studierende zum Luxus – oder als solcher wahrgenommen.

Manch einer wird einwenden, im Geiste von Kretschmann, die jungen Leute sollten sich ja nicht so anstellen, andere Generationen hätten ganz andere Krisen durchgemacht, wären ganz anderen Herausforderungen ausgesetzt werden. Ja, natürlich haben wir es immer noch besser als diejenigen, die im zerstörten Nachkriegsdeutschland studieren wollten.

Wer aber die Situation des zerbombten Nachkriegsdeutschlands mit der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt vergleicht, die besiegte Kriegswirtschaft mit dem mehrfachen Exportweltmeister, der hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Entbehrungen und Notlagen sind nichts, was wir feiern sollten, weil es ja „charakterbildend“ sei, sondern wir müssen uns fragen, wie es in einem so reichen Land wie Deutschland so weit kommen konnte.


Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas hat uns auf dem kalten Fuß erwischt. Als Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine begann und wir uns plötzlich in der Situation befanden, dass wir dem Aggressor Milliarden zahlten, um weiterhin Energie zu importieren, hatten der nahezu abgeschlossene Atomausstieg sowie der anstehende Kohleausstieg Gas als Übergangsenergie immer attraktiver gemacht. Die konkurrenzlos günstigen Preise des russischen Gases sind von der schwarz-roten Koalition nicht hinterfragt worden. Auch nicht, nachdem Putin sein hässliches Gesicht gezeigt hat, etwa 2008 mit dem russischen Angriff auf Georgien oder 2014 mit dem Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Ohne ausreichend Zukunftsenergien hat man daran festgehalten, aus der atomaren Gegenwartsenergie auszusteigen.

Für uns als Liberale Hochschulgruppen ist das unverständlich: Forschungsfreiheit und Technologieoffenheit sind Kern unseres Selbstverständnisses als liberalen Studentenverband. Wir sollten offen und ohne Verbote an den Energien der Zukunft forschen: Ob Solarenergie, Atomkraft oder doch die kalte Fusion die Energiequelle der Zukunft sind, wissen weder wir noch die Bundespolitik. Gerade in Krisenzeiten sollten wir auf alles zurückgreifen können, was uns die Wissenschaft zu bieten hat. Dass die Grünen und Habeck sich einem Weiterbetrieb der Atomkraftwerke so lange aus ideologischen Gründen verwehrt haben, halten wir nicht nur für unverständlich, sondern für unverantwortlich.

Es sind Schwarz-Rot und die zögerliche Haltung von Robert Habeck, die uns Studierenden einen Winter eingebrockt haben, in dem wir nicht nur vor unseren Prüfungen zittern, sondern auch daheim am Schreibtisch, unter der kalten Dusche und in der unbeheizten Küche.


Und doch kann man eine ungute Situation noch schlechter machen. Zu Beginn des Wintersemesters kamen an vielen Hochschulen Ideen, Diskussionen und Pläne auf, wie man denn auf Kosten von Studium, Lehre und Studierenden Energie und Finanzmittel sparen könnte. Von einem umfangreichen Wechsel auf erneute Distanzlehre über Einschränkung des Bibliothek-Angebots bis hin zu lediglich verlängerten Schließtagen zwischen den Jahren standen die verschiedensten Konzepte in der Diskussion.

Der Vorschlag, Studierende nach vier Semestern Isolationslehre erneut aus dem sozialen Umfeld der Universität ausschließen und nach Hause schicken zu wollen, setzt Studierende nicht nur der winterlichen Kälte aus, sondern offenbart auch eine erstaunliche soziale Kälte gegenüber Studierenden.

Ich hatte gehofft, dass ich inzwischen nicht mehr ansprechen müsste, wie belastend die Corona- Semester für Studierende waren. Eingeschränkte Kontakte, ausbleibender sozialer Austausch auf dem Campus und Studium allein in der 8-Quadratmeter-Wohnung führen zu Einsamkeit. Als Konsequenz der Corona-Pandemie erleben wir eine Pandemie der Einsamkeit unter unseren Studierenden. Vor diesem Hintergrund ist es unbegreifbar, wie Online-Lehre ernsthaft als Lösungsvorschlag der Energiekrise diskutiert wird.

Ohnehin belasten Heizkosten und steigende Lebenshaltungskosten den studentischen Geldbeutel. Wenn Hochschulen sparen wollen, indem sie Lern- und Aufenthaltsorte schließen, führt das dazu, dass Millionen Studenten ausgerechnet in der Energiekrise noch mehr Zeit in ihren Wohnungen verbringen und noch mehr heizen müssen als sonst. Dass Hochschulen ihre Heizkosten auf den studentischen Geldbeutel auslagern wollen, ist nicht nur energetisch ineffizient und volkswirtschaftlich widersinnig, sondern eine zutiefst ungerechte Mehrbelastung der Studierenden.

Deshalb ist es für uns Liberale Hochschulgruppen nur selbstverständlich, dass wir diese Pläne ablehnen und uns für ein Weiterbestehen der Präsenzlehre einsetzen – an den einzelnen Hochschulorten, auf Landesebene und natürlich auch als Bundesvorstand.

 

Benjamin Kurtz ist seit Februar 2021 im Bundesvorstand der Liberalen Hochschulgruppen engagiert und seit Januar 2022 dessen Vorsitzender. Nach dem Bachelorstudium in Tübingen studiert er seit Oktober 2022 im Master Development Economics an der Georg-August-Universität Göttingen.

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