Bildung und Wissenschaft in Deutschland – ein schwieriger Weg zurück an die Weltspitze?


Bettina Stark-Watzinger ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages, war von 2018 bis 2020 Vorsitzende des Finanzausschusses, seit 2020 Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion der Freie Demokraten im Deutschen Bundestag, seit September 2020 im Präsidium der FDP. Sie ist Vorsitzende der FDP Hessen und seit dem 8. Dezember 2021 Bundesministerin für Bildung und Forschung.



Ralf-Rainer Piesold (RRP): Erst einmal wollen wir Ihnen zu Ihrem neuen Amt als Bundesministerin für Bildung und Wissenschaft gratulieren und Ihnen eine glückliche Hand wünschen. Frau Stark-Watzinger, Sie waren am House of Finance an der Johann-Wolfgang Goethe Universität tätig und sind nun Bundesministerin für Bildung und Forschung. Sie sind gleichzeitig Vorsitzende der FDP Hessen und Mitglied des Bundesvorstandes der FDP. Der Verband liberale Akademiker verbindet die Liebe zum Liberalismus und mit Hang zu Bildung, Wissenschaft und Forschung. Wir haben da wohl ähnliche Steckenpferde, deswegen freuen wir uns ganz besonders auf das Gespräch:


Bettina Stark-Watzinger (BSW): Vielen Dank für die Glückwünsche. Ich freue mich, dass ich gemeinsam mit den Experten im Ministerium und den Freien Demokraten eine innovative Bildungs- und Forschungspolitik gestalten kann. Durch meinen Wahlkreis und meinem Amt als hessische FDP-Landesvorsitzende werde ich Hessen trotz meines Amtes in Berlin natürlich weiterhin eng verbunden bleiben.


RRP: Für die FDP war Bildung schon immer ein zentraler Begriff. Ralf Dahrendorfs Schrift „Bildung ist Bürgerrecht“ war vor über 50 Jahren ein Meilenstein in der bildungspolitischen Debatte.

Was verbinden Sie mit den Begriffen Bildung und Wissenschaft mit den Grundgedanken des Liberalismus? Was ist für Sie Bildung – Und was ist es nicht?


BSW: Bildung bedeutet für mich die Stärkung des Einzelnen. Hier liegt für mich auch die grundlegende Verbindung zum Liberalismus – Bildung ermöglicht Bürgerinnen und Bürgern Gebrauch von ihren Freiheitsrechten zu machen. Forschung und Wissenschaft sind für mich ein integraler Teil einer liberalen Gesellschaft. Allerdings ist eine Voraussetzung hierfür ein freier und kritischer Diskurs. Das kontextlose Zusammentragen von Fakten aus dem Internet ist für mich keine Bildung. Bildung bedeutet für mich, Fakten und Daten in einen Kontext einzuordnen und kritisch hinterfragen zu können.


Ann Sophie Löhde (ASL): Ein Ziel der frühen Bildungsreformen war die Schaffung von mehr Durchlässigkeit des Bildungssystems. Die Aufstiegschancen in Deutschland sind immer unterdurchschnittlich. Immer weniger schaffen es, mehr als ihre Eltern zu verdienen. Der Aufstieg aus der Nicht-Akademiker Familien scheint besonders schwer.

Woran liegt das und wie wollen Sie das ändern?


BSW: Seit den 50er und 60er Jahren, auf die Sie sich beziehen, hat sich in Sachen Bildung vieles zum Positiven verändert. Nichtsdestotrotz liegt noch viel Arbeit vor uns, um das Ideal der Bildungsgerechtigkeit Wirklichkeit werden zu lassen. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist sich in diesem Bereich auf eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe zu fokussieren. Ein reiches Land wie Deutschland sollte es nicht hinnehmen, dass der Aufstieg noch Generationen benötigt und zu viele Kinder mit schlechten Kenntnissen in Rechnen und Schreiben die Schule verlassen. Kindern aus schwierigen Situationen fehlt es an Vorbildern, die aufzeigen, dass Aufstieg durch Bildung auch für sie möglich ist. Es fehlt ihnen oft an Vertrauen. Hier wollen wir konkrete Unterstützungsangebote für diese Schülerinnen und Schüler schaffen. Unser Ziel bleibt die Förderung von Talenten und Potentialen in der Bildung unabhängig von Elternhaus und Herkunft.


RRP: Die Ukraine Krise hat uns in Deutschland nicht nur schockiert, sondern auch aufgezeigt, dass wir uns in großen internationalen Abhängigkeiten befinden. In meiner Heimatstadt Hanau wird seit Jahren im Bereich der Brennstoffzellen und der Anwendung von Wasserstofftechnologie gearbeitet. Trotzdem müssten wir weiter sein.

Sollten wir noch mehr in diese Technologie, beispielweise durch weitere Forschungszentren, investieren?


BSW: Unbedingt! Als Hessin kenne ich das Wasserstoff-Forschungscluster in Hanau gut. Die Landesregierung hat es versäumt den Standort durch die Ansiedlung von Bundes- und Landesinstitutionen weiter zu stärken. Unabhängig von Hanau und dem Land Hessen werde ich mich in ganz Deutschland für eine intelligente Finanzierung von Grundlagen- und Innovationsforschung einsetzen. Wenn wir weiter Wohlstand für alle wollen, weiter produzieren und reisen wollen, dann sind wir auch in Zukunft auf Energieimporte angewiesen. Wasserstoff ist hier ein Schlüssel. Mit ihm schaffen wir Nachhaltigkeit und mehr Energiesouveränität.


RRP: Eine entscheidende Rolle wird der weitere IT Ausbau, damit man smartCities, smartRegions oder gar ein smartDeutschland aufbauen kann. Dazu bedarf es aber auch europäischen Strategien zum Aufbau einer Infrastruktur, wie einer gemeinschaftlichen Cloud – Stichwort GAIA X. Aber nicht nur im Bereich der Cloudlösungen hinken wir hinterher. Im E-Government sind wir europäisches Mittelmaß und bei BigData oder künstlicher Intelligenz haben andere die Nase vorne.

Was müssen wir hier anders machen?


BSW: Die Digitalisierung und der Ausbau entsprechender IT-Ressourcen ist eine Jahrhundertaufgabe, die wir aktiv angehen werden. Gerade im Hinblick auf die Großmächte USA und China müssen wir die Herausforderungen im Bereich der Digitalisierung europäisch lösen. In Deutschland fehlt mir manchmal die Bereitschaft nicht nur die Risiken, sondern vor allem die Chancen der Digitalisierung zu sehen. Gerade bei der Forschung im Bereich Big Data und Artificial Intelligence, aber auch bei E-Government brauchen wir die Bereitschaft zu einer forschungsorientieren Datennutzung, die Datenschutz garantiert. Der Verwendung von Daten stehen häufig umständliche bürokratische Regelungen entgegen. Doch gerade diese verhindern eine transparente Datenkultur, die Datenschutz und Forschungsinnovation gemeinsam denkt.


ASL: Wir haben seit zwei Jahren Unterricht unter Corona-Bedingungen. Lerndefizite sind in dieser Zeit vor allem bei den Kindern gewachsen, die aus sozialschwachen Milieus kommen.

Was wollen Sie dagegen tun?


BSW: Die Corona-Pandemie hat alle Kinder, Jugendlichen und Studierenden in Deutschland massiv in ihrem Lernprozess behindert und massive Lernrückstände vor allem bei Kindern und Jugendlichen aus sozialschwachen Milieus erzeugt. Außerdem sind große Defizite bei Digitalisierung und Ausstattung von Schulen zu Tage getreten. Wir werden versuchen, die psychischen Folgen der Pandemie durch mehr Investitionen in psychologische Betreuung abzufangen. Lernrückstände und Defizite gerade bei Kindern aus sozialschwachen Familien gab es bereits vor der Covid-Pandemie. Aus diesem Grund wollen wir diesen Kindern und Jugendlichen grundsätzliche Unterstützungsprogramme an die Hand geben, die nicht nur die Defizite der Pandemie adressieren, sondern langfristig ausgerichtet sind. Hier setzen wir auf Talentschulen nach dem erprobten Vorbild in Nordrhein-Westfalen.


ASL: Der Bildungsbereich ist hauptsächlich eine Angelegenheit der Länder und darauf pochen diese auch gern. Noch heute hört man Sätze wie: „Ach du hast dein Abitur in Hessen gemacht, deswegen der gute Schnitt“. Kann sich Deutschland weiterhin 16 mehr oder weniger unterschiedliche Wege und Schwierigkeitsgrade zum Abitur erlauben oder müssen wir den Bildungsbereich mehr zentralisieren?


BSW: Vergleichbare Abschlüsse innerhalb Deutschlands sind eine Frage der Fairness und der Chancengerechtigkeit. Der Föderalismus ist in Deutschland eine historisch gewachsene Institution, doch im Bereich der Bildung muss er an die Herausforderungen der 2020er Jahre angepasst werden. Ich unterstütze die Entscheidungsfreiheit und Autonomie von Schulen. Vergleichbare Schulabschlüsse dürfen nicht zu einer Überregulierung der einzelnen Schulen führen. Allerdings möchte ich in jenen Bereichen dem Bund mehr Kompetenzen zugestehen, in denen der Föderalismus Innovationen und Reformen auf dem Weg zu weltbester Bildung verhindert. Beispielhaft sind hier gleichwertige Abschlussprüfungen oder die Digitalisierung von Schulen zu nennen.


RRP: Immer noch ist in den meisten wissenschaftlichen Bereichen der Anteil der Frauen unterdurchschnittlich. Auch wenn er sich positiv entwickelt, müssen wir wohl noch einiges unternehmen.

Was wollen Sie tun?


BSW: Gleiche Chancen für Frauen im Wissenschaftsbereich sind für mich nicht nur ein elementarer Teil der Hochschulpolitik, sondern vor allem aufgrund meiner eigenen Biographie ein Herzensanliegen. Wir wollen die Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Karriere verbessern und vor allem im MINT-Bereich auf frühe Förderung von Frauen und Mädchen sowie starke weibliche Vorbilder setzen. Frauen in Forschung und Lehre müssen ihre Karriere ohne strukturelle Hindernisse bestreiten können. Hochschulen sind hier gefragt, aber auch die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Hier werde ich besonders darauf achten, wie sich die Zahl der Forscherinnen und Zahl der Frauen in Führungspositionen entwickelt.


ASL: Wir leben in einer Zeit, in der Fake News und Desinformation eine immer größere Rolle spielen. Viele Menschen erkennen eine unseriöse Quelle nicht. Kinder wachsen mit Social Media auf und lernen nur aus eigenen (negativen) Erfahrungen. Wieso haben wir noch kein Schulfach, das diese Themen aufgreift? Und wann wird es ein solches Schulfach geben?


BSW: Die Freien Demokraten haben im Bundestagswahlkampf ein Schulfach Informatik gefordert. Damit wollen wir digitale Kompetenzen fördern. Vom richtigen Umgang mit Social Media bis hin zu Programmieren wollen wir den Schülerinnen und Schülern die notwendigen digitalen Werkzeuge für das 21. Jahrhundert an die Hand geben. In diesem Bereich entscheiden letztendlich aber die Länder. Wir forschen im Bereich Fake News und Desinformation viel - das muss noch besser in die Schulen kommen. Als Bund können wir hier nur einen finanziellen Rahmen bieten, in welchem Schulen dieses Schulfach entwickeln können. Auch ohne explizites Schulfach Informatik muss Medienkompetenz als Teil des Unterrichtsplans ausgebaut werden.


RRP: Wenn man Sie für eine Errungenschaft in Ihrer Zeit als Bildungs- und Forschungsministerin erinnern soll, welche wäre das?


BSW: Wir fangen zwar gerade erst an - aber klar ist: Der Kampf gegen Bildungsungerechtigkeit und mehr Mut für technologische Souveränität. Wir haben viele kluge Köpfe - geben wir ihnen den Raum zu wirken.


RRP/ASL: Frau Ministerin Starck-Watzinger, vielen Dank für Ihre Zeit. Wir wünschen Ihnen viel Kraft in der Umsetzung Ihrer Ziele, damit Deutschland wieder stolz sagen kann, dass man in unserem Land die weltweit beste Bildung erhält.




Prof. Dr. Ralf-Rainer Piesold lehrt an der Frankfurt University of Applied Sciences im Bereich Public Administration und Public- und Non-Profit Management. Er war hauptamtlicher Stadtrat (Beigeordneter) der Stadt Hanau. Er befasst sich seit Jahren mit eGovernment und smart-City-Konzepten.



Dr. Ann Sophie Löhde wurde 1990 in Hamburg geboren. Ihr Studium begann sie an der WHU – Otto Beisheim School of Management und absolvierte im Anschluss ihren MBA in San Diego, Kalifornien. 2015 nahm sie ihr Promotionsstudium zum Thema Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke auf und arbeitet seit 2019 für ein deutsches Family Office als Investment Managerin. Schon während ihrer Jugend engagierte sie sich bei den Julis Hamburg und ist seit 2018 im Präsidium des VLA und für die Redaktion der Liberalen Perspektiven verantwortlich.