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Warum die wissenschaftliche Entwicklung des Global Südens im europäischen Interesse ist – und was

von Jan Marco Müller und Noah Stewart 




Die Europäische Union bemüht sich schon seit langer Zeit um die wissenschaftliche Kooperation mit Ländern des sogenannten „Globalen Südens“. Doch genauso wie das Konzept einer in verschiedene homogene Entwicklungsstadien getrennten Welt veraltet ist, so ist auch die Idee, dass wissenschaftliche Kooperation auf einer Finanzierungs- und Technologiepipeline von Nord nach Süd beruht, ein Konzept der Vergangenheit. Heutzutage basiert internationale wissenschaftliche Kooperation auf einer Beziehung des gegenseitigen Lernens und der Zusammenarbeit auf Augenhöhe. „What is good for science anywhere is good for science everywhere“, wie Subra Suresh, der frühere Präsident der National Science Foundation der USA, treffend bemerkte. 


Unser Interesse an wirkungsvoller wissenschaftlicher Kooperation mit Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika ist aufgrund der gemeinsamen Vorteile mindestens genauso groß wie der Vorteil dieser Länder an der Teilnahme an europäischen Forschungsprogrammen. Dieses Interesse hat die Europäische Kommission 2021 im Globalen Konzept für Forschung und Innovation – Europas Forschungs- und Innovationsstrategie für die internationale Zusammenarbeit in einer sich verändernden Welt – festgehalten. 


Das Globale Konzept beruht zum einen auf einem regel- und wertebasierten – und prinzipiell offenem – Forschungs- und Innovationsumfeld, insbesondere in Bezug auf Akademische Freiheit, Gleichstellung der Geschlechter, Diversität und Inklusion, Forschungsethik und -integrität, offene Wissenschaft sowie faktenbasierte Politikgestaltung. Zum anderen verlangt es Gegenseitigkeit und gleiche Ausgangsbedingungen in der internationalen Zusammenarbeit im Bereich Forschung und Innovation. Basierend auf diesen Grundpfeilern geht es darum, internationale Kapazitäten zur Bewältigung globaler Herausforderungen zu bündeln und die strategische Partnerschaft der EU mit anderen Weltregionen auszubauen. 


Doch was sind die gemeinsamen Vorteile einer internationalen Zusammenarbeit in Forschung und Innovation und was ist demnach unser konkretes Interesse an einem wissenschaftlich entwickelten Globalen Süden? 


Wir haben als Mitglieder der Vereinten Nationen vereinbart, bis 2030 die gemeinsam vereinbarten Nachhaltigkeitsziele (SDGs), zu erreichen. Diese Ziele, die alle eine starke wissenschaftliche Komponente haben, sind nur erreichbar, wenn wir uns als internationale Gemeinschaft zusammentun und Forschungskapazitäten sowie wissenschaftliche Exzellenz nicht von der wirtschaftlichen Stärke eines Landes abhängig sein lassen. Eine Zusammenarbeit mit Ländern des Globalen Südens und die Förderung ihrer wissenschaftlichen Kompetenzen ist dabei unumgänglich – „leaving no one behind“ gilt auch für die Wissenschaft. 


Doch die Welt hat sich nicht nur ambitionierte Ziele gesetzt, sondern wird auch von großen Krisen bedroht, die nur gemeinsam mit Hilfe internationaler wissenschaftlicher Kooperation bewältigt werden können: allen voran die Klimakrise. Wie viele andere globale Krisen, hat diese Bedrohung eine charakteristische Nord-Süd Komponente. Die seit der industriellen Revolution emittierten Treibhausgase, die jahrhundertelang dem Globalen Norden zu seinem Wohlstand verhalfen, sind eine der Hauptursachen des Klimawandels, der die Länder des Globalen Südens überproportional trifft. Würden Länder wie China oder Indien diesem nicht nachhaltigen Pfad folgen, hätte das gravierende Konsequenzen für den Planeten – gleichzeitig haben natürlich auch die Länder des Globalen Südens das gleiche Anrecht auf wirtschaftlichen Wohlstand und Entwicklung, wie dies der Norden hatte. 


Den Beitrag der internationalen Forschung zur Lösung des Klimaproblems finden wir schon darin, dass die eben genannte Erkenntnis über die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels selbst das Produkt internationaler wissenschaftlicher Kooperation war. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ist die führende Institution in der Klimaforschung und ein perfektes Beispiel für die Bedeutsamkeit wissenschaftlicher Kooperation auf internationaler Ebene und der Vermittlung wissenschaftlicher Evidenz an politische Entscheidungsträger. Im IPCC und vielen anderen internationalen Forschungsinstitutionen führt die Teilnahme von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem Globalen Süden nicht nur zu mehr Exzellenz und Glaubwürdigkeit, sondern liefert entscheidende Daten, ohne die das Verstehen des komplexen Systems Erde gar nicht möglich wäre. 


Dabei ist der Klimawandel nicht das einzige Problem, das nur mit der Beteiligung aller Nationen – und vor allem Ländern des Globalen Südens – gelöst werden kann. Ein Beispiel ist die COVID-19 Pandemie: Es waren nicht zuletzt wissenschaftliche Kapazitäten im Globalen Süden, die maßgeblich zur Verfolgung und Eindämmung des Virus beigetragen haben. Wir erinnern hierbei an die Labore im südlichen Afrika, die im November 2021 die Entdeckung einer neuen, gefährlichen Mutation des Virus, der Omikron-Variante, meldeten. Ohne moderne Forschungseinrichtungen in Botswana und Südafrika und deren Vernetzung mit Laboren weltweit, hätte diese Variante möglicherweise viel früher in Europa Fuß gefasst und entsprechend höhere Opferzahlen verursacht. Deshalb ist es so wichtig, Infrastrukturen im Globalen Süden zu fördern. So finanziert die EU bereits den Aufbau von Impfstoffproduktionsstätten in Ruanda und im Senegal und setzt sich dafür ein, weitere Kapazitäten, etwa im Bereich der Genomsequenzierung, auszubauen. Globale Pandemien sind nur ein Beispiel, warum ein wissenschaftlich exzellenter Globaler Süden für uns von existenzieller Bedeutung ist. 


Was tut die EU, um die Forschungskooperation mit dem Globalen Süden weiter auszubauen und die Länder dadurch wissenschaftlich zu stärken? Horizon Europe, das Förderprogramm für Forschung und Innovation der Europäischen Union mit einem Gesamtbudget von über 95 Milliarden Euro für den Zeitraum von 2021-2027, bietet Forscherinnen und Forschern, Organisationen und Hochschulen in Drittländern die Möglichkeit, sich an Forschungsprojekten zu beteiligen und dabei, im Falle von Entwicklungsländern, von EU-Fördermitteln zu profitieren. Ein Beispiel ist die „Afrika-Initiative,“ mit der durch ein Paket von 36 Themen und einem Budget von 350 Millionen Euro die Beteiligung afrikanischer Partner in spezifischen Bereichen gefördert wird. Des Weiteren wurden durch Horizon Europe seit 2022 36 Millionen Euro in Bewegung gesetzt, um 108 Forschungsprojekte mit Teilnehmern im Indo-Pazifik zu unterstützen. 


Weitere Programme mit internationalen Teilnahmemöglichkeiten sind Erasmus+, das wichtigste Programm der EU zur Unterstützung von Bildung und Jugend sowie die Marie Sklodowska-Curie Actions, die die Ausbildung und Mobilität von Forscherinnen und Forschern sowie Doktorandenprogramme unterstützen. Auch hier bemüht sich die EU um die Teilnahme des Globalen Südens. So wurde zwischen 2016 und 2020 durch Erasmus+ fast 12.000 Studierenden, Forscherinnen und Forschern sowie Hochschulpersonal aus dem subsaharischen Afrika, der Karibik und dem südpazifischen Raum ein Austausch in die EU ermöglicht, um sich an einer Gesamtzahl von 1.300 Forschungsprojekten zu beteiligen. Im Gegenzug besuchten mit Hilfe von Erasmus+ über 7.000 europäische Stipendiatinnen und Stipendiaten Bildungs- und Forschungseinrichtungen in den AKP-Staaten (Afrika, Karibik, Pazifik). 


Schließlich bietet die Global Gateway Initiative der EU Möglichkeiten zur Stärkung der Forschungskapazitäten im Globalen Süden und gleichzeitig eine attraktive Alternative zu den oft einseitig ausgerichteten Infrastrukturinvestitionen strategischer Konkurrenten wie China. Die Attraktivität von Global Gateway äußert sich darin, dass der Ansatz der EU auch Bildungs- und Forschungseinrichtungen fördert, mit dem Ziel, die wissenschaftlichen, technologischen und innovativen Kapazitäten der Partnerländer zu stärken. Dies steht im Kontrast zur chinesischen Belt-and-Road Initiative (BRI), die Infrastrukturprojekte in Drittländern durch chinesische Kreditinstitute finanziert und mithilfe chinesischer Bauunternehmen und Arbeiter ausführt und dabei neuen Abhängigkeiten Vorschub leistet. 

Beispiele für EU-Initiativen beinhalten die strategische Partnerschaft zwischen der EU und Afrika zur Erdbeobachtung und Raumfahrttechnik sowie die Förderung von regionalen wissenschaftlichen Exzellenzzentren im subsaharischen Afrika. Ebenfalls Teil der Global Gateway Initiative ist die kürzlich verabschiedete Innovation Agenda der EU mit der Afrikanischen Union (AU). Diese Agenda setzt einen neuen Maßstab für die Kooperation zwischen der EU und der AU beim Thema Forschung und Innovation. Mit diesen Initiativen und Programmen der EU ist eine solide und für alle Seiten vorteilhafte Grundlage geschaffen, um die wissenschaftliche Kooperation mit Ländern des Globalen Südens, allen voran afrikanischen Ländern, zu erweitern. 


Die Kooperation mit dem Globalen Süden spielt auch eine zentrale Rolle bei der Entwicklung einer europäischen Wissenschaftsdiplomatie, die zum Ziel hat, die Wissenschaft strategisch zur Bewältigung geopolitischer Herausforderungen zu nutzen, die Evidenzbasis auswärtiger Politik zu verbreitern, die Rolle der Wissenschaft in diplomatischen Vertretungen zu stärken sowie das Training und Capacity Building für eine europäische Wissenschaftsdiplomatie auszubauen. 

Forschungsinfrastrukturen spielen hierbei eine wichtige Rolle. Ein oft zitiertes Beispiel ist der Teilchenbeschleuniger SESAME in Jordanien. Hier arbeiten Forscherinnen und Forscher aus zum Teil verfeindeten Ländern des Nahen Ostens zusammen, um physikalische Grundlagenforschung zum Wohle der Allgemeinheit zu betreiben. Die EU förderte den Bau dieser Einrichtung von 2017 bis 2019 im Rahmen des Horizon 2020-Programms mit mehr als 5 Millionen Euro. 


Ein weiteres Flagship-Projekt ist das Square Kilometer Array (SKA), das mit Tausenden von Parabol- und Breitbandantennen nach seiner Fertigstellung 2029 das größte und sensibelste Radioteleskop der Welt sein wird. Dieses Projekt bringt nicht nur eine große Zahl von Ländern im Sinne der Grundlagenforschung zusammen (darunter auch China), sondern ist selbst im Globalen Süden platziert, insbesondere in der südafrikanischen Karoo-Wüste. An der Entwicklung des Projekts beteiligte sich die EU ebenfalls mit fast 5 Millionen Euro im Rahmen des Horizon2020 Programms zum Schwerpunkt exzellenter Wissenschaft. 


Im Sinne einer „Wissenschaft für die Diplomatie“ haben diese Projekte der Grundlagenforschung, die wie in den genannten Beispielen den Globalen Süden und Norden zusammenbringen, das Potenzial, die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen in der Welt positiv zu beeinflussen. Zum einen dienen sie als Zufluchtsorte, in denen selbst in Krisenzeiten und zwischen verfeindeten Staaten weiterhin wenigstens ein wissenschaftlicher Dialog aufrechterhalten werden kann. Zum anderen erweitern sie die wissenschaftlichen Kapazitäten und Exzellenz der Teilnehmer des Globalen Südens enorm und helfen ihnen dabei, wettbewerbsfähigere Technologien und Innovationen zu entwickeln. Außerdem geben sie Ländern des Globalen Südens die Möglichkeit, auf Augenhöhe – oder im Falle Südafrikas und des Square Kilometer Arrays sogar federführend – an internationalen Kooperationen mitzuwirken und sich damit als Zukunftsnationen in der Welt zu projizieren. 


Doch die wissenschaftliche Entwicklung des Globalen Südens ist kein Selbstläufer. Viele Hürden erschweren den Aufbau exzellenter Forschungseinrichtungen, allen voran das Fehlen finanzieller Mittel. Und genauso wie wir zu Hause mit Skeptikern der Klima- und Impfstoffforschung konfrontiert werden, gibt es auch in Bevölkerungen und Regierungen des Globalen Südens Überzeugungsbedarf, dass internationale Forschung und wissenschaftlich informierte Gesetzgebung einen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Mehrwert generieren. 


Zudem leben wir in einem neuen geopolitischen Zeitalter, das die Wissenschaftsdiplomatie vor neue Herausforderungen stellt. Der völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg auf die Ukraine oder die wachsende Rolle Chinas als strategischer Konkurrent in Schlüsseltechnologien zwingt uns, die Teilnahme und Förderung von Partnerländern näher unter die Lupe zu nehmen. Dabei machen die teilweise engen Beziehungen und Abhängigkeiten mancher Länder des Globalen Südens von China und Russland unsere Arbeit nicht einfacher. 


Selbstverständlich hat auch die EU in der Kooperation mit dem Globalen Süden wirtschaftliche Interessen und will Kooperationen zur Vermittlung europäischer Werte nutzen. Hierbei ist es wichtig, als ehrlicher und verlässlicher Partner auf Augenhöhe aufzutreten, um keine postkolonialen Ressentiments aufkommen zu lassen, die vielerorts auch die Wissenschaftsbeziehungen nach wie vor belasten. 


Nicht zuletzt kann Europa eine Menge vom Globalen Süden lernen. Das folgende Beispiel mag dies illustrieren: Als Europäer Anfang des 20. Jahrhunderts anfingen, Kabinenseilbahnen auf Berge zu bauen, dienten diese vorrangig touristischen Zwecken. 100 Jahre später sahen sich die ausufernden Megastädte des Globalen Südens mit dem Problem konfrontiert, wie ungeplant an Steilhängen gewachsene Favelas in das öffentliche Nahverkehrsnetz integriert werden können. Der einzige mögliche Zugang war aus der Luft. Also besann man sich der europäischen Technologie der Kabinenseilbahn und entwickelt diese weiter zu einem urbanen Massentransportmittel, das heute das Rückgrat vieler ÖPNV-Netze in den Metropolen Lateinamerikas wie La Paz oder Medellín bildet. Diese Entwicklung blieb in Europa nicht unbemerkt, wo nun ebenfalls neue Seilbahnen in ÖPNV-Netze eingebunden werden, wie zum Beispiel eine Seilbahn in Paris, die bis 2025 den Vorort Créteil an das Metronetz der Stadt anschließen soll. Dies ist nur ein Beispiel für das Innovationspotenzial des Globalen Südens, von dem wir in Europa durch effektive und beidseitige Kooperation in vielen Bereichen – von Mobilität über Fintech bis zur Telekommunikation – profitieren können. 


Zusammengefasst: Internationale Wissenschafts- und Forschungskooperation mit Ländern des Globalen Südens haben das Potenzial, den Lebensstandard aller Beteiligten erheblich zu erhöhen. Gleichzeitig sind sie von existenzieller Notwendigkeit, um die großen globalen Krisen unserer Zeit zu lösen. Die Bezwingung der Klimakrise und der Aufbau neuen Vertrauens in einer multipolaren Welt ist auf eine globale Kooperation in der Wissenschaft angewiesen, die auf Transparenz und Gegenseitigkeit basieren muss. Diese gilt es zu stärken, so dass wir die Lebensgrundlagen und den Wohlstand heutiger und künftiger Generationen überall auf der Welt sichern können. 



 


Dr. Jan Marco Müller ist promovierter Geograph und arbeitet derzeit als Koordinator für Wissenschaftsdiplomatie und multilaterale Beziehungen in der Generaldirektion Forschung und Innovation der Europäischen Kommission. In früheren Positionen leitete er u.a. das Büro der Wissenschaftlichen Chefberaterin des Kommissionspräsidenten und fungierte als Wissenschafts- und Technologieberater des Europäischen Auswärtigen Dienstes. 



Noah Stewart absolviert derzeit einen Master of Arts in International Governance and Diplomacy an der Sciences Po, Paris. Dank seines Hintergrunds war er bereits in verschiedenen Positionen mit internationalem Bezug tätig, unter anderem an der deutschen Botschaft in Washington, D.C. und der Münchner Sicherheitskonferenz. Kürzlich absolvierte er ein Traineeship zum Thema Wissenschaftsdiplomatie bei der Europäischen Kommission. 

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