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ZURÜCK ZU DEN EMANZIPATORISCHEN WURZELN

von Clemens Schneider



Der Liberalismus ist ursprünglich ein linkes Projekt. Erst als im Laufe des 19. Jahrhunderts der Sozialismus in der marxistischen Prägung mit den anarchischen Traditionen der Linken radikal brach und den kollektivistischen absoluten Staat forderte, brach das linke Lager entzwei. Ursprünglich hatten sich auf der linken Seite des Parlaments, in der Reithalle der Tuilerien in Paris oder in der Frankfurter Paulskirche, jene Kräfte zusammengefunden, die überkommene Ordnungen hinterfragten und auf die spontane Verbesserungsfähigkeit des Menschen vertrauten.


Das Vertrauen in das Individuum war von jeher der entscheidende Motor menschlicher Entwicklung gewesen. „Aller Fortschritt der Menschheit vollzog sich stets in der Weise, dass eine kleine Minderheit von den Ideen und Gebräuchen der Mehrheit abzuweichen begann, bis schließlich ihr Beispiel die anderen zur Übernahme der Neuerung bewog“, schreibt Ludwig von Mises in seinem 1927 erschienenen Buch „Liberalismus“.

Das war schon am Anfang der Hominisation so: Um aus dem Zustand des reinen Überlebenskampfes herauszuwachsen, brauchte es Menschen, die sich getraut haben, mit ihren Nachbarn in Handelsaustausch einzutreten. Der Geist der Avantgarde hat seit je Menschen angetrieben aus dem Vorgegebenen auszubrechen: Die Richterin Debora, die im 12. Jahrhundert vor Christus die Geschicke des Volkes Israel lenkte. Die „Frauen von Salerno“, die im Mittelalter als Ärztinnen praktizierten, die junge Greifswalder Bürgertochter Sibylla Schwarz, die 1638 mit siebzehn Jahren starb und mehrere hundert, von der Nachwelt gefeierte Gedichte hinterließ, Jane Marcet, deren Einführungswerke zu Chemie, Botanik und Volkswirtschaftslehre zu den am häufigsten verwendeten Lehrbüchern des 19. Jahrhunderts gehörten.


Auf dem Hintergrund dieser Erfahrung konnte sich Stück für Stück die Idee der Emanzipation herausbilden, wie wir sie in der Neuzeit kennen. Die Anschauungsbeispiele zeigten, dass jenseits der vertrauten Welt, die man einordnen, begreifen und besitzen konnte, nicht etwa Chaos und Untergang lauern, sondern ganz neue Chancen, ungeahnte Möglichkeiten, unsere Existenz reicher, schöner, beglückender zu machen. Die Avantgardisten wurden nicht mehr von allen als bedrohliche und zerstörerische Kräfte wahrgenommen, sondern zunehmend als die mutigen Entdeckerinnen, die der Welt ganz neue Räume zugänglich machten.

Wenn das Individuum eine solche Kraft aus sich selbst heraus besitzt, dann verlieren natürlich die bindenden Kräfte von Hierarchie, Ordnung und Kollektiv zunehmend ihre Legitimität. Denn schließlich stehen diese Konzepte der Entfaltung des Individuums im Weg. Diese Einschränkung ist aber keineswegs nur bedauerlich für die einzelne Person. Vielmehr verlieren alle Glieder der Gesellschaft. Unternehmerische Gelegenheiten, wissenschaftliche Entdeckungen, kulturelle Bereicherungen, technologische Fortschritte sind angewiesen auf Individuen und deren Abenteuerlust. Wären Marie Curie, Maria Montessori und Coco Chanel nicht aus den Konventionen ihrer Welt ausgebrochen, wäre die Welt in vielerlei Hinsicht ärmer.


Emanzipation war ursprünglich ein Akt der Gewährung von Rechten gewesen; ein Gnadenakt von oben herab, der dem Gewährenden stets die letzte Kontrolle darüber überließ, wie weit er die Leine loslässt – oder ob er sie gar wieder einholt. In dem Maße, in dem wir als Gesellschaften lernten, dass das Unkontrollierte – man könnte auch sagen: das Anarchische – uns allen mehr nutzt als das durch Macht und Herrschaft Geordnete, begriffen wir auch immer mehr, dass Emanzipation ein grundlegendes Prinzip menschlichen Zusammenlebens sein müsse. Wir wurden bereit für die Idee, dass man Emanzipation nicht gewährt, sondern erkämpft: dass Freiheit von unten kommt und nicht von oben.


Hier liegen die Ursprünge des Liberalismus: im Widerstand gegen Autoritäten sowie die bestehenden Verhältnisse und in der Bereitschaft zum, bisweilen sogar Lust am Abenteuer; in der Entdeckung der unerschöpflichen Kräfte von Spontanität, Individualismus und Vielfalt.


Schon die frühen Vorkämpferinnen von Frauenrechten wie Mercy Otis Warren, Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft und Harriet Taylor haben großen Wert darauf gelegt, sich ihre Selbständigkeit nicht als Recht aus der huldvollen Hand der Männer gewähren zu lassen. Sie setzten auf Bildung und Selbstbewusstsein als Quelle ihrer Freiheit. Und sie waren bereit, sich mit diesem Rüstzeug ihren Platz zu erkämpfen. Ähnlich dachten auch die frühen Feministinnen hierzulande, die sich durch Publikationen und Vereine bemühten, Frauen möglichst leicht Zugang zu Bildung zu verschaffen.


Louise Otto (später Otto-Peters), eine führende Figur der deutschsprachigen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert schrieb in der ersten Ausgabe der „Frauen-Zeitung“ am 21. April 1849: „Wohlauf denn, meine Schwestern, vereinigt Euch mit mir, damit wir nicht zurückbleiben, wo alles um uns und neben uns vorwärtsdrängt und kämpft. Wir wollen auch unser Teil fordern und verdienen an der großen Welt-Erlösung, welche der ganzen Menschheit, deren eine Hälfte wir sind, endlich werden muß.

Wir wollen unser Teil fordern: das Recht, das Rein-Menschliche in uns in freier Entwicklung aller unserer Kräfte auszubilden, und das Recht der Mündigkeit und Selbständigkeit im Staat.

Wir wollen unser Teil verdienen: Wir wollen unsere Kräfte aufbieten, das Werk der Welt-Erlösung zu fördern, zunächst dadurch, daß wir den großen Gedanken der Zukunft: Freiheit und Humanität (was im Grunde zwei gleichbedeutende Worte sind) auszubreiten suchen in allen Kreisen, welche uns zugänglich sind, in den weiteren des größeren Lebens durch die Presse, in den engeren der Familie durch Beispiel, Belehrung und Erziehung.“

Als selbstbewusste Individuen zum Fortschritt der Menschheit, der „Welt-Erlösung“, beizutragen, war die Vision, die diese Frauen beseelte. Das ist Emanzipation, das ist Liberalismus!


Leider folgte die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts mit all seinen zweifelhaften bis katastrophalen ideologischen Verwerfungen. Der Marxismus kaperte die Linke und pervertierte sie in einen Hort des Kollektivismus und Etatismus. Besitzstandwahrende Kulturprotektionisten reinigten jedes spontane und anarchische Element aus ihrem „Liberalismus“ und packten dann noch das „National-“ davor. Und das emanzipatorische Erbe verstaubte unbeachtet oder wurde von politischen Gruppierungen reklamiert, zu deren Ideen-DNA es eigentlich nicht passt.


Die Liberalen haben sich seit 150 Jahren zu großen Teilen die verschiedenen Wellen der Emanzipationsbewegungen entfleuchen lassen. Natürlich war man selten dagegen, einzelnen Gruppen mehr Rechte und Freiheiten zuzugestehen. Aber man stand nicht an der Spitze der Bewegung, weder intellektuell noch politisch. Das überließ man Sozialdemokraten, Grünen und anderen politischen Mitwettbewerbern.

Ein Liberalismus, der die eigenen Prinzipien ernstnimmt, muss genau an dieser Stelle wieder ansetzen. Vorgeschriebene Frauenquoten, Cancel Culture, Punkteabzug für ungegenderte Texte und ähnliche Projekte sind sicherlich keine freiheitlichen Ansätze. Aber noch fataler ist es, wenn wir uns von diesen Irrwegen den Konservativen in die Arme jagen lassen. Wenn wir uns, aufgeschreckt von der Wucht linker Identitätspolitik, geradewegs denen in die Arme treiben lassen, welche die freie Entwicklung des Individuums noch viel mehr hemmen wollen; die gar kein Interesse an einer Verbesserung haben, weil ihr geistiges Zuhause in einer imaginierten Vergangenheit liegt, die ganz ihrer Kontrolle unterworfen ist.


Ein Liberalismus, der wieder attraktiv sein will, mehr zu bieten hat als Besitzstandswahrung und vor allem auch Leute dazu motivieren kann, sich mit Leidenschaft für ihn einzusetzen, muss sich wieder auf seine linken Wurzeln besinnen. Der klassische Liberalismus des frühen 19. Jahrhunderts war ein zutiefst emanzipatorisches und anarchisches Projekt voller Liebe zum kreativen Individuum. Das Desiderat, das Friedrich August von Hayek schon 1960 in seinem Aufsatz „Warum ich kein Konservativer bin“ formulierte, sollte auch in unseren Ohren mahnend klingen:


„In einer Welt, in der es, wie schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts, das wichtigste ist, den spontanen Entwicklungsprozess von den Hindernissen und Erschwernissen, die die menschliche Torheit aufgerichtet hat, zu befreien, müssen seine [der Liberalen] Hoffnungen darauf beruhen, dass er jene, die ihrer Veranlagung nach ‚Fortschrittliche‘ sind, überzeugen und ihre Unterstützung gewinnen kann und, auch wenn sie jetzt die Änderungen vielleicht in der falschen Richtung suchen, zumindest gewillt sind, das Bestehende kritisch zu untersuchen und wenn nötig zu ändern.“


 


Clemens Schneider ist Direktor von Prometheus – Das Freiheitsinstitut, das er 2015 mitbegründet hat. Der studierte katholische Theologe ist darüber hinaus ehrenamtlich engagiert, unter anderem im Leitungsteam von NOUS – Netzwerk für Ordnungsökonomik und Sozialphilosophie und im Vorstand der Initiative Queer Nations.

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