Ein neuer Blick auf Bonhoeffer

Eine Rezension von Dr. Burkhard Luber


„When I took leave of my black friend, he said to me: Make our sufferings known in Germany, tell them what is happening to us, and show them what we are like“.

(Bonhoeffer in einem Gespräch 1931 mit einem Freund in den USA)



Auch mehr als 10 Jahre nach ihrem Erscheinen ist die Bonhoeffer-Biographie von Eric Metaxas, die inzwischen auch in Deutsch vorliegt, weiterhin ein inspirierender Lesestoff.

Vor der Buchlektüre hatte ich nur ein traditionelles Bild von Bonhoeffer, aber Metaxas‘ Buch hat meinen Kenntnishorizont erheblich erweitert und vertieft. Der Autor hat sich erfolgreich der großen Mühe unterzogen, das Leben Bonhoeffers, seine Persönlichkeit, seine Theologie, die Weimarer Republik, den Aufstieg und das Ende des Nazi-Regime gleichermaßen angemessen darzustellen. Dementsprechend legt er ein Gesamtbild vor, das diese einzelnen Dimensionen prägnant schildert und aufeinander bezieht. So entsteht neben der Präsentation von Bonhoeffer auch eine Art geschichtlicher und kultureller „Deutschland-Kosmos“ der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Prägnanter Eindruck aus der Jugendzeit: Bonhoeffers Musik-Leidenschaft inklusive eigener Kompositionen und ein großes Feingefühl für demokratischen Umgang in der gemeinsamen Kammermusik-Praxis.

Der Erste Weltkrieg unterbricht die Idylle des Berliner Hauses der Bonhoeffer-Familie. Der älteste Sohn stirbt an der Westfront. Dietrich entschließt sich, Theologie zu studieren, zunächst in Tübingen. Eine Reise nach Rom zusammen mit seinem Bruder Klaus macht großen Eindruck auf ihn und lässt ihn engagiert über die Frage „Was ist die Kirche“ reflektieren und das zu einem für einen Lutheraner nicht gerade gängigen Anlass: Eine Palmsonntag-Messe im Petersdom. Nach drei Studienjahren in Berlin macht Bonhoeffer ein Auslandsvikariat in Barcelona. Seine Spanischkenntnisse sind so gut, dass er Cervantes „Don Quichotte“ im Urtext lesen kann.

Die Jahre 1930-1931 verbringt Bonhoeffer in den USA. Mit der scharfen Kontroverse dortiger liberaler und fundamentaler Theologie kann er nichts anfangen. Umso größere Eindrücke machen auf ihn die „Negro Churches“ in Verbindung mit einem Aufenthalt im Süden der USA und in Mexiko: Bonhoeffer kauft Schallplatten mit Negro Spirituals und bringt sie in seine spätere Ausbildungstätigkeit in Deutschland ein.

Wieder zurück nach Deutschland übernimmt Bonhoeffer einen Lehrauftrag an der Universität Berlin und lässt dabei die Studierenden unter anderem an seinen Erlebnissen mit der farbigen Kirche in den USA teilhaben. Schon kurz nach der Machtergreifung Hitlers macht Bonhoeffer in einer Predigt seine eigene Position deutlich und seine Erwartung an die Kirche, dass sie diesem „Führer“ ohne Wenn und Aber zu widerstehen habe. Bonhoeffer geht sogar noch weiter, dass er von der Kirche fordert, in jedem Fall sich auf Seite der Opfer zu stellen, auch wenn sie nicht Mitglieder der Kirche sind. Und „nur“ Solidarität mit den Opfern von Unrecht und Gewalt ist Bonhoeffer nicht genug, man muss auch „dem ungerechten Rad in die Speichen fallen.“ Das führt Bonhoeffer konsequent in die Mitgliedschaft der Bekennenden Kirche, für die er 1935-1937 die Ausbildung angehender Pastoren übernimmt – nicht nur theologisch, sondern auch als persönliches Vorbild, dem Trägheit, Unfairness, Eitelkeit schon seit seiner Jugend fremd gewesen ist.

Kurz bevor er zur Wehrmacht eingezogen werden soll, reist er erneut in die USA. Doch die Situation in Deutschland lässt ihn auch dort in Gedanken nicht los. Schon nach vier Wochen reist er wieder zurück nach Deutschland. Mit großer Klarheit sieht er Hitlers Weg in den Weltkrieg voraus und ruft deshalb zum gewaltfreien Widerstand und zu einem weltweiten ökumenischen Friedenskonzil auf („Frieden statt Sicherheit“), was bis in die Friedensbewegung der 80er nachgewirkt hat.

Nachdem eine Ausbildungstätigkeit für Bonhoeffer unmöglich geworden ist, schließt er sich der Widerstandsgruppe gegen Hitler an. Er verlobt sich mit Maria Wedemeyer. Im April 1943 wird er verhaftet und ins Gefängnis Tegel gebracht, im Oktober 1944 ins Gestapo-Gefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße, wo er unter anderem das Lied „Von guten Mächten“ schreibt. Er stirbt am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg. Er geht in den Tod mit derselben unbeugsamen tapferen und gottzugewandten Haltung, die sein ganzes Leben charakterisiert hat.

Ich habe durch Metaxas‘ Buch Bonhoeffer ganz neu erlebt. Bisher kannte ich ihn nur oberflächlich, nun aber tiefer: Die große Übereinstimmung seiner Theologie mit seinem Leben, seinen Mut, seine Menschenzugewandtheit und den hohen Anspruch, den er an sein Leben stellte.


Eric Metaxas:

Bonhoeffer – Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet.

SCM Hänssler Verlag, 1. Auflage 2011, 768 Seiten, 29.95 Euro


Diese Rezension erschien zuerst im MILIEU,

https://www.dasmili.eu/art/ein-neuer-blick-auf-bonhoeffer/

Wir danken Dr. Luber für die freundliche Freigabe!